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"Presse"-Kommentar: Der Bubentraum (von Detelf Harbich)

Ausgabe vom 4. Mai 2001

Wien (OTS). Herr Dennis Tito macht sich einen Jux. Für 305 Millionen Schilling
- ein Zehntel seines Vermögens, heißt es - leistet er sich die Verwirklichung eines Bubentraumes und fliegt in den Weltraum. Einfach so. Genießt die Schwerelosigkeit, sieht die anderen Kosmo-und Astronauten an der Arbeit, macht Photos von Heimatplanet Erde aus nicht mehr luftiger, sondern sehr luftleerer Allhöhe und weiß endlich, wie das wirklich funktioniert mit dem Weltraumklo - seien wir ehrlich, das ist es doch, was wir alle schon längst wissen wollten, aber nicht im Ernst zu fragen wagten.
Das Loch in Herrn Titos Kasse wird wahrscheinlich gar nicht so groß sein, wie es uns Normalverdienern vorkommt. Jede Wette, daß sich dieser erste private Ausflug in die Weltraumfahrt erstklassig vermarkten lassen wird, daß die 305 Millionen Schilling unter Umständen sogar mit Zinseszinsen wieder hereinkommen könnten. Das betont naive Auftreten Titos und seiner Angehörigen soll niemand täuschen. Wer in Amerika ein Milliardenvermögen angehäuft hat, ist nicht wirklich naiv, der hat das Ganze genau durchkalkuliert.
Dabei will uns scheinen, daß Tito in Wirklichkeit gar nicht der erste Weltraumtourist ist, er ist nur der erste, der das wirklich aus eigener Tasche bezahlt. Gerade die Russen, aber auch die Amerikaner haben in den letzten Jahrzehnten unter dem Deckmantel internationaler Weltraum-Zusammenarbeit immer wieder Kosmonauten aus allen möglichen Staaten - auch Österreich - als zahlende Gäste mitfliegen lassen, von denen etliche sicher ernsthafte Forschungsarbeit leisteten, viele aber auch nur dem Stolz des Entsenderlandes dienten, endlich auch einen "Mann im All" vorweisen zu können.
Und wenn Tito am Sonntag nach neun Tagen hoffentlich wohlbehalten wieder zurück sein sollte, was dann? Ist damit nur ein kurioses Medienereignis zu Ende? Ist das erst der Anfang neuer Entwicklungen, ist das der Verlust der wissenschaftlichen Unschuld der Weltraumfahrt und zwar mit welchen Folgen?
Beachtlich ist das säuerliche Widerstreben der Nasa in der ganzen Sache. Das sieht so aus, als könnten sich dort einige Herren selbst ohrfeigen, daß sie sich jetzt ausgerechnet von den Russen vorhüpfen lassen müssen, was Kapitalismus ist und wie man aus einer wissenschaftlich-militärischen nationalen Angelegenheit privatwirtschaftlichen Nutzen herausholt.
Vielleicht steckt aber auch die dunkle Ahnung dahinter, daß der erste private Weltraumflug den Abschied vom Heldenzeitalter der bemannten Raumfahrt bedeuten könnte. Damit wird das hehre Brimborium, von dem dieses Monsterunternehmen umgeben ist, weggeschoben und die grundsätzliche und innerste Motivation freigelegt: Menschliche Neugier und Abenteuerlust. Alles andere, was jahrzehntelang an weitausholender Begründung von wissenschaftlichem Fortschritt und technischem "Spin off" bemüht wurde, reicht eigentlich nicht, die gigantischen Kosten zu rechtfertigen.
Aber so wie es Dennis Tito ein Zehntel seines großen Vermögens wert war, einmal aus dem Weltall auf die Erde zu schauen, war es kollektiv die großen Nationen der Welt einen gehörigen Anteil ihrer Budgets wert, diesen Blick zu ermöglichen. Die Steuerzahler bezahlten das erstaunlich willig, trugen die Kosten für die Erfüllung des Bubentraumes ohne Murren. Viele kleine Dennis Titos. Alles andere ist oberflächliche Rationalisierung eines eigentlich einfachen und zutiefst menschlichen Strebens zur Grenzüberschreitung. Dieses hat die Menschheit getrieben, die Pyramiden, die gotischen Dome, die großen Entdeckungsfahrten und vieles andere zu unternehmen und dafür immer wieder irrsinnige Ressourcen aufzuwenden, ohne nach dem unmittelbaren Nutzen zu fragen.

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