DER STANDARD-Kommentar am 28.4.2001: "Manche mögen's heiß: Die Universitätsreform kommt in Fahrt. Aber sie braucht Augenmaß" (von Gerfried Sperl) - Erscheinungstag 28.4.2001

Wien (OTS) - Selbst Sturm Graz hatte in der Champions League die Weltklasse vor Augen. Dass die Ressortchefin Elisabeth Gehrer genau das ihren Universitäten verordnen möchte, ist als Utopie o.k. Aber die Vorstellung des Innsbrucker Naturwissenschafters Günther Bonn bei der Uni-Enquete am Donnerstag im Parlament war denn doch übertrieben:
Österreichs hohe Schulen sollten sich an Harvard und Yale messen.

Das geht nicht, lieber Herr Bonn, der Sie in derselben Wortmeldung die Regierung gelobt haben, weil sie in der laufenden Legislaturperiode sieben Milliarden für die Forschung investiert. Super, im Vergleich zu früher. Aber mager, wenn wir von internationalen Dimensionen reden. Wovon also sollten wir reden?

Zum Beispiel vom Vergleich mit der Schweiz. Dabei steht nicht einmal die ETH Zürich im Zentrum, dieses Superding, sondern die Uni Basel zum Beispiel, deren Rektor nun schon zum zweiten Mal in Wien sein Produkt zur Nachahmung empfohlen hat. Diese Universität ist ausgestattet mit einer Autonomie, die unternehmerischen Prinzipien (und Strukturen) gehorcht. Aber nicht im Geiste einer Nudelfabrik oder des real existierenden ORF, sondern im Blick auf internationale Forschungsqualität.

Sie hat außerdem ein Budget, von dem österreichische Unis nur träumen können. Noch einmal: Wir reden von Basel, nicht von Harvard, wo der ehemalige amerikanische Finanzminister Larry Summers eben sein Amt als Uni- Präsident angetreten hat. Denkt jemand in Österreich daran, Ferdinand Lacina oder Erhard Busek zum Präsidenten (Rektor) der Uni Wien zu machen?

Ein weiter Weg zu international vergleichbaren Verhältnissen. Aber die Richtung stimmt. Wir brauchen zwar keine Studiengebühren, weil ein Know-how-Staat sie erst einheben sollte (und zwar kräftig), wenn Regel-Studienzeiten überschritten werden. Aber die Abschaffung pragmatisierter Professoren ist ebenso richtig, wie die Verknüpfung von Assistenten-Karrieren mit klar definierten Leistungsausweisen. Dass Gehrer hier nicht locker lässt, rundet sie politisch in die Glaubwürdigkeit zurück.

Augenmaß ist trotzdem wichtig. Weil universitäre Neoliberale so tun, als käme man völlig ohne Mitbestimmung der Assistenten und Studenten aus. Das wäre ein Fehler. Warum wurde sie in den 60er-Jahren überhaupt verlangt? Weil die Professoren jede Veränderung abgelehnt haben. Jetzt, da die Reform-Offensive auch aus der Professorenschaft kommt, brauchen wir keine 60er- und 70er-Modelle mehr. Falsch wäre es gleichwohl, die Diktatur der Ordinarien-Unis wieder herzustellen. Zielorientierte Entscheidungsstrukturen sind gefragt. Die Vorstellungen im Bildungsministerium gehen in diese Richtung.

Bleibt die Frage, ob wir alle Unis und Fakultäten brauchen, die durch das österreichische Bildungssystem wesen. Der Akademie-Präsdident Werner Welzig, ein engagierter Katholik, forciert den Sachverstand. Konkordat hin, Konkordat her. Brauchen wir derart viele katholische Fakultäten, bei deren Berufungen sowohl Vatikan als auch Ortsbischöfe mitreden? Wenn die alle frei denken könnten, wären die Niedrigkosten der theologischen Ausbildung ein Argument. Aber so? Und die Architektur? Drei Fakultäten allein in Wien? Oder Physik und Chemie, jeweils an Uni und TU? Da sind Verschlankungen notwendig, Bedarfsrechnungen angebracht. Außerdem sollten die Studenten gezwungen werden, an verschiedenen Orten zu studieren, das eine Fach da, das andere dort. Wir brauchen vazierende Geister.

Alles in allem: Diese krisengebeutelte Regierung scheint bei der Uni-Reform trotz einiger substanzieller Einwände auf einem Zukunftsweg zu sein. Der jedoch nicht in der simplen, Unternehmenskonzepten abgeschauten Rechtsform einer Ges.m.b.H. münden dürfte. Denn Universitätsbildung und Grundlagenforschung sind zu kostbar, um sie kurzfristigen Interessen zu überlassen.

*** OTS-ORIGINALTEXT UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER

VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS ***

Rückfragen & Kontakt:

Der Standard
Tel.: (01) 531 70/428

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PST/OTS