DER STANDARD-Kommentar: "Japans stille Revolution: Rezession und politische Turbulenzen als Symptome einer tiefen Gesellschaftskrise (von Josef Kirchengast) - Erscheinungstag 27.4. 2001

Wien (OTS) - Alles ist bestens vorbereitet. Ein von den Gastgebern bereitgestelltes Taxi erwartet die westlichen Besucher am Flughafen Tokio-Narita. Der Chauffeur mit weißen Handschuhen und Kappe, die Sitze mit weißen Spitzendeckchen verziert, wie das bei japanischen Taxis üblich ist. Dann aber geschieht das Unvorhergesehene. Ein großes Gepäckstück passt nicht in den Kofferraum. Der Fahrer ist perplex und ratlos. Schließlich wird der Koffer auf Initiative der Fahrgäste auf der Rücksitzbank verstaut.

Das Erlebnis des Autors dieser Zeilen liegt schon einige Jahre zurück. Dennoch hat es - bei aller notwendigen Vorsicht gegenüber Stereotypen - noch immer eine gewisse Symbolkraft, wenn es um eine Einschätzung der japanischen Gesellschaft geht.

Rund zehn Jahre dauert die Wirtschaftskrise in Japan nun schon. Und dass dies so ist, hat wesentlich mit der Resistenz des japanischen Systems gegen tiefgreifende Reformen zu tun. Der wachsende Unmut in der Bevölkerung hat sich nun in einer Art Palastrevolte in der Liberal-Demokratischen Partei (LDP) entladen, die praktisch ununterbrochen seit Ende des Zweiten Weltkriegs regiert. Der neue Premier und LDP-Chef Junichiro Koizumi hat schmerzhafte Reformen angekündigt. Er will die Partei von innen und auf diesem Weg auch Japan ändern.

Trotz der starken personellen Signale, die der Regierungschef vor allem mit der Ernennung von fünf weiblichen Ministern aussendet, ist zunächst einmal Skepsis angebracht. Denn die Ursachen der Krise liegen weit tiefer als in den Strukturen des japanischen Machtsystems, in dem Politik, Wirtschaft und Bürokratie so dicht ineinander verwoben sind, dass man beinahe von einem totalitären System sprechen könnte.

Japans wirtschaftlicher Aufschwung nach dem Krieg basierte auf der Unternehmensphilosophie der Gruppenleistung. Das Kollektiv hatte absoluten Vorrang vor dem Individuum. Während der Aufbau- und Wachstumsphase funktionierte dieses System blendend und brachte mit seinen Exporterfolgen (Prinzip: bessere Kopie) den Westen in die Defensive.

Mit dem Einsetzen eines schärferen weltweiten Wettbewerbs (Stichwort Globalisierung) zeigten sich jedoch zunehmend die Schwächen des japanischen Modells. Eine Gesellschaft, in der Anpassung an die Gruppe (fast) alles ist, Individualismus und Eigeninitiative aber weitgehend verpönt sind, kann auf neue Herausforderungen nicht schnell genug reagieren. Ein Bildungssystem, in dem Drill und unkritisches Lernen vom Kindergarten an oberste Maxime sind, kann kaum jene Fähigkeiten vermitteln, die unvorhergesehene Entwicklungen bewältigen lassen. Inzwischen aber hat in der Jugend so etwas wie eine stille Revolution eingesetzt. Jüngsten Umfragen und statistischen Erhebungen zufolge kehren immer mehr junge Menschen dem traditionellen japanischen Lebensstil den Rücken.

Die Vorstellung von ununterbrochener harter Arbeit bis zur Pension - bisher belohnt mit materieller Sicherheit - ist für immer weniger Jugendliche attraktiv. In der Erhebung einer japanischen Werbeagentur im Vorjahr war der Beruf Wirtschaftsmanager für weniger als fünf Prozent der befragten Teenager eine Wunschvorstellung. Sportler, Schauspieler, Entertainer sind die Leitbilder. In einem internationalen Vergleich rangieren die japanischen Studenten beim Interesse für Mathematik und Wissenschaften auf den jeweils vorletzten Plätzen. Die Zahl der Technikstudenten ist seit 1970 ständig gesunken, jene der Inskribenten und Absolventen geisteswissenschaftlicher Studien entsprechend gestiegen.

Da die japanische Gesellschaft wegen der niedrigen Geburtenrate rasch altert, lassen sich die wirtschaftlichen und sozialen Folgen dieser passiven Jugendrevolte unschwer vorhersehen. Noch hat das Modell Japan die Chance, sich durch freiwillige Reformen in allen Bereichen selbst zu erneuern. Die Alternative wäre allen Anzeichen nach eine "biologische Lösung".

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