ÖSTERREICH SOLL IN FORSCHUNG UND LEHRE WELTKLASSE WERDEN Parlamentarische Enquete zur Universitätsreform

Wien (PK) - Österreich wolle in Forschung und Lehre in der Weltklasse spielen, die Leistungsfähigkeit müsse erhöht, die Effizienz des Mitteleinsatzes müsse verbessert werden. So fasste Wissenschaftsministerin Elisabeth Gehrer in ihrem Einleitungsreferat, mit dem sie die Parlamentarische Enquete zur Universitätsreform eröffnete, die Zielsetzungen der Reform zusammen. Dieses Programm sei kein Sparprogramm, betonte die Ministerin und sprach sich für mehr Internationalität und Flexibilität sowie für eine zeitgemäßere und besser zielgerichtete Ausbildung aus. Gehrer brach in diesem Zusammenhang eine Lanze für die Vielfalt der Studien; Doppel- und Dreifachangebote müssten aber verhindert werden.

Infolge der großen Zahl von Teilnehmern wurde der Plenarsaal des Nationalrats als Ort der Enquete gewählt. Vom Interesse am Thema her wäre der über 500 Personen fassende Sitzungssaal der Bundesversammlung noch besser gewesen, bemerkte Abgeordneter Dr. Erwin Niederwieser zu Beginn der Veranstaltung im Rahmen einer Wortmeldung zur Geschäftsordnung. Das Programm umfasst zunächst Referate von insgesamt 13 Referenten aus dem In- und Ausland, gefolgt von einer Diskussion. Den Vorsitz führen der Obmann des Wissenschaftsausschusses, Abgeordneter Dr. Martin Graf (F) und seine StellvertreterInnen, die Abgeordneten Dr. Erwin Niederwieser (S), Dr. Gertrude Brinek (V) und Univ.Prof. Dr. Kurt Grünewald (G).

Wissenschaftsministerin Elisabeth Gehrer sprach sich in ihrem Einleitungsreferat für Gemeinsamkeit bei der Weiterentwicklung und Modernisierung der Universitäten aus, zumal dieses Thema über Parteipolitik hinausgehen sollte. Die Enquete sei eine Veranstaltung, in der "ein Weg gesucht wird", betonte die Ministerin und skizzierte dann kurz die Situation Österreich: 18 Universitäten, 20.000 Lehrende, 130.000 Studierende, eine im europäischen Vergleich überdurchschnittlich lange Studiendauer von 7,5 Jahren, eine Drop-out-Quote von 50 %, insgesamt zu wenige Professoren und ein zu großer Mittelbau. Als Ziele nannte Gehrer die Steigerung der internationalen Wettbewerbsfähigkeit, die Schaffung von Flexibilität und von Freiräumen, die Etablierung der Universität als handelnde Institution durch Vollrechtsfähigkeit und Autonomie.

Zur Frage des neuen Dienstrechts für Universitätslehrer kündigte Gehrer an, dass ein entsprechender Gesetzentwurf "heute Abend oder morgen" in Begutachtung gehe und skizzierte auch dafür die Zielsetzungen: Vertragsbedienstetensystem statt Pragmatisierung, Assistenten mit Befristung auf 6 Jahre, Professorenposten mit und ohne Befristungen, wobei die Stellenbesetzung nach Kriterien einer Qualitätssicherung erfolge, durchgängige Karrieren aber möglich seien. An die Stelle der starren Stellenpläne solle ein Punktesystem treten, wobei die Universität selbst die für sie wichtigen Positionen festlege. Die derzeitigen Uni-Assistenten in der 2. Phase könnten "aufhören, sich zu fürchten": Wer sich habilitiere, könne mit einer Pragmatisierung rechnen, die anderen über ein spezielles Qualifizierungsverfahren ebenso. Zudem solle die Möglichkeit geschaffen werden, "hochqualifizierte wissenschaftliche Mitarbeiter" zu beschäftigen. Der "Fahrplan" zum neuen Dienstrecht: Begutachtung des Entwurfs bis 18. Mai, am 29. Mai im Ministerrat, dann parlamentarische Behandlung, in Kraft treten soll das Gesetz am 1. Oktober 2001. Für die volle Rechtsfähigkeit der Universitäten werde es im Sommer eine Punktation geben, die - in einem Vor-Begutachtungverfahren - bis November einer "allgemeinen, großen Begutachtung" unterzogen werde. Ein Gesetzentwurf würde erst danach in Begutachtung gehen erklärte Gehrer.

Die Universität mit ihrer aus dem 19. Jahrhundert stammenden Struktur als "pädagogische Provinz" habe sich bewährt, aber nicht genug, begründete Univ.Prof. Dr. Klaus Landfried, Präsident der Hochschulrektorenkonferenz Deutschland, die Reformnotwendigkeit an deutschen Universitäten. "Wer sich nicht bemüht, besser zu werden, hört auf, gut zu sein", zitierte Landfried den bayerischen Wissenschaftsminister Zehetmayer. Der Redner ging dann auf die Bildungsexpansion der 60er und der 70er Jahre ein und verwies auf den Anstieg der Studentenzahlen. Die Reformen hinsichtlich der Organisations- und der Entscheidungsstrukturen seien in Deutschland zum Teil länderweise unterschiedlich verlaufen, bedürften aber ebenso einer Modernisierung wie die Lehr- und Lerninhalte, die Gestaltung der Studienstrukturen und die Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses und des Haushaltsrechts.

Erreicht habe man einen "Aufbruch in den Wettbewerb", mehr institutionelle Eigenverantwortung, vereinzelt flexibilisierte und sogar globalisierte Haushalte, Kosten- und Leistungsrechte und Änderungen in der Ressourcenzuteilung sowie etwas mehr Arbeitsmarkt-Orientierung. Die Dienstrechtsreform sei in Deutschland - ähnlich wie in Österreich - noch in Bewegung, sagte Landfried. Mängel stellte der Redner bei der neuen quantitativen Verteilung der Studienplätze fest. Er vertrat in dieser Frage die Auffassung, dass zwei Drittel der Studienanfänger an Berufsakademien und Fachhochschulen und ein Drittel an die Universitäten zu verteilen wären.

Besondere Bedeutung maß Landfried der Qualitätssicherung zu und skizzierte abschließend die Aufgaben der Hochschulen. Die kritische Bewertung und damit Bewahrung alten und neuen Wissens, die Anleitung zum Selbst-Lernen; die Universitäten müssten sich um ihre Absolventen kümmern, sie müssten ein Forum für die Entwicklung ethischer Leitlinien sein, im Dialog mit den Unternehmen die wirtschaftliche Nutzung neuen Wissens zu ermöglichen und zu unterstützen - und das alles ohne Rücksicht auf nationale Grenzen. Kritisch äußerte sich Landfried gegen Pragmatisierung und praktisch unbegrenzte Studiendauer. Universitäten als Unternehmen besonderer Art brauchten auch ein dafür speziell trainiertes Management. Angemessene Betreuungsrelationen seien die Voraussetzung für einen Erfolg, betonte Landfried und zitierte abschließend Churchill: Wenn Sie glauben, dass Bildung zu teuer ist, warum versuchen Sie es nicht mit Unwissenheit?

Weil der "Teufel im Detail" sitze, wolle er die Situation in der Schweiz möglichst konkret darstellen, begann Prof. Dr. Ulrich Gäbler, Rektor der Universität Basel, sein Impulsreferat. Das Schweizer Universitätssystem sei zweigeteilt, mit der Bundes-Zuständigkeit für zwei und kantonaler Zuständigkeit bei zehn Universitäten. Die Unis seien hinsichtlich Personal, Mittel und Immobilien "mehr oder weniger autonom". Der Bund trage zur Finanzierung auch der kantonalen Universitäten bei.

Die Finanzierung "seiner" Universität Basel - 320 Mill. Franken jährlich, rund 3 Mrd. S für eine relativ kleine Universität - komme zu 50 % aus den Kantonen Basel-Stadt und Basel-Land, die andere Hälfte aus verschiedenen Quellen, darunter Studiengebühren in einer Höhe etwa wie die in Österreich bevorstehenden, und 30 Mill. Franken vom Bund, womit der Bund in einer Reihe von "Mitspielern" eine Art von "Minderheitsaktionär" sei. Die Steuerung erfolge in enger Zusammenarbeit zwischen Universitätsrat und Rektorat.

Diese Art der Universitätsautonomie sei aus der politischen Kultur der Schweiz mit ihrer Vorliebe für Konkordanz und eine geringe Regeldichte zu verstehen, betonte Gäbler. Universität und Politik müssten sich einig werden über die Zielvorstellungen - z.B. bessere Lehre, Forschung und Wissenschaft. Ein hoher Grad von Autonomie fördere den Wettbewerb, sagte Gäbler und plädierte für Universitäten, die sich den Bedingungen der sie umgebenden Gesellschaft unterwerfen und nicht einen "Elfenbeinturm" darstellten.

Univ.-Prof. Dr. Werner Welzig (Präsident der Österreichischen Akademie der Wissenschaften) sah die Verantwortung des Gesetzgebers darin, Grundsätze und Aufgaben der Hochschulen so zu fassen, dass diese den Arbeitsweisen und Erfordernissen der Wissenschaft, den Erfordernissen der Gesellschaft, den politischen Gegebenheiten unseres Kontinentes und den ökonomischen Möglichkeiten unseres Staates entsprechen. Dazu legte Werner Welzig fünf Sätze vor, die ihm wichtiger schienen, als alle Fragen des Dienstrechts:

Erstens fragte Welzig, ob Österreich tatsächlich alle jene Anstalten brauche, die es Universitäten nenne. Zweitens, sagte Welzig, brauchten wir nicht alle Fakultäten, die es an Universitäten gibt, bzw. nicht alle in der Gestalt, in der es sie heute gibt. Kein Argument spreche etwa für das Nebeneinander naturwissenschaftlicher Fakultäten an den Technischen Universitäten und Universitäten in Wien und Graz, die Aufrechterhaltung aller universitären Architektureinrichtungen sowie aller vier staatlichen Katholisch-Theologischen Fakultäten.

Drittens sollten die Geistes- und Kulturwissenschaftlichen Fakultäten ihre Studienrichtungen sparsamer und zugleich ergiebiger verteilen. Für die Maxime, alles allenthalben anzubieten, sah Welzig keinen guten Grund. Alte Geschichte und Klassische Archäologie müssten in Österreich nicht an vier Standorten gepflegt werden. Viertens sollte der Gesetzgeber seine Verantwortung für die Universitäten anders wahrnehmen als in der Vergangenheit. Das Studienangebot könne nicht mehr nur auf nationale Notwendigkeiten Rücksicht nehmen. Denn für Welzig ist es absurd, wenn eine so exemplarisch europäische Institution wie die Universität nur einzelstaatlich konzipiert und fortentwickelt wird.

Welzig schloss mit der Bitte, den Konflikt zwischen Ansprüchen von Ökonomie und Industrie auf der einen und der Verteidigung der universitären Freiräume auf der anderen Seite, den Konflikt zwischen Nutzen und Neugier nicht fortzusetzen. Dieser Konflikt sei auf Basis der Universität nicht zu lösen. "Wir werden um eine Entscheidung über das Nebeneinander unterschiedlicher Typen Hoher Schulen nicht herumkommen", sagte Welzig. Die Universitäten werden nur dann Brennpunkte im geistigen Leben bleiben, wenn neben ihnen anders organisierte Hohe Schulen die Aufgabe der Weitergabe und der Vermehrung des Wissens übernehmen. In dieser Auseinandersetzung können sich die Universitäten bewähren, der zum Schimpfwort gewordene Begriff "akademisch" seinen Glanz wiedergewinnen. Allerdings sei der Gesetzgeber gefordert, in einer schwierigen Materie rasch zu handeln, schloss Welzig.

Generaldirektor Dipl.-Ing. Albert Hochleitner (Siemens AG Österreich) wies einleitend auf die Absicht hin, die Forschungs- und Entwicklungsquote von derzeit 1,8 % bis 2005 auf 2,5 % zu steigern. Dadurch werde sich die Zahl der derzeit 18.000 Mitarbeiter in der Industrie verdoppeln, was aufgrund der heutigen Absolventenzahlen der Universitäten und technischen Universitäten nicht realisierbar sei, da jährlich nur 1.800 Absolventen von den technischen Universitäten abgehen. Man könne die Diskussion um das Dienstrecht an den Universitäten also entspannt betreiben, denn Abgänger aus dem universitären Mittelbau würden in der Wirtschaft dringend benötigt.

Von den Universitäten forderte Hochleitner eine höhere Kooperationsbereitschaft mit der Wirtschaft ein. Sie sollten auf die traditionell kleinbetrieblich organisierte Wirtschaft zugehen. Dazu gehöre eine größere Durchlässigkeit im personellen Bereich und ein intensiver Austausch zwischen Mitarbeitern der Universitäten und der Wirtschaft. Hochleitner wollte das Technikinteresse der Jugend verbessern. Überdies hielt er es für unverständlich, dass es die Universitäten hinnehmen, dass Fachhochschulen Studiengebühren einheben und Aufnahmeprüfungen durchführen, während dies den Universitäten vorenthalten werde. Die Studiendauer sei zu verkürzen, die Dropout-Raten seien zu senken und die HTL als hervorragende Einrichtungen zu erhalten. Die Anwendung von Wissen dürfe kein schlechteres Image haben als das Erzielen von Forschungsresultaten. Die Universitäten sollen Schnittstellen zur Wirtschaft eröffnen, für Menschen, Themen und Technik.

Univ.-Prof. Dr. Günther Bonn (Universität Innsbruck) plädierte aus der Sicht der Naturwissenschaften dafür, Veränderungen in der Lehre, in den Personal- und Forschungsstrukturen sowie in der gesamten Organisation und in den Entscheidungsstrukturen herbeizuführen. Die Reform sollte bereits in der Schule beginnen, um die Attraktivität naturwissenschaftlicher Fächer zu heben und insbesondere das geringe Interesse der Mädchen an diesen Fächern zu vergrößern. Zur Verkürzung der im internationalen Vergleich zu langen Studiendauer werden die neuen Studienpläne, aber auch die Studiengebühren beitragen, sagte Hochleitner und unterstrich das Ziel, die Durchlässigkeit im Bildungssystem von Schule, Lehre, Fachhochschule und Universität zu gewährleisten.

Hervorragende Universitäten seien von Leistungskriterien und Schwerpunktsetzung geprägt. Dies setze Leitungs- und Verantwortungsstrukturen voraus. "Wir brauchen daher ein neues Dienstrecht, das gewährleistet, dass der Automatismus in der Karriereleiter durch Leistungsorientierung ersetzt wird". Dafür stelle das vorgeschlagene Dienstrecht einen ersten Schritt in die richtige Richtung dar, zeigte sich Bonn überzeugt.

Kritik übte der Universitätsprofessor daran, dass mit der letzten Reform alle UniversitätsdozentInnen zu ao. Univ.-ProfessorInnen "mutiert" seien, was es den berufenen Professoren unmöglich mache, Schwerpunkte zu setzen, da Personalressourcen nicht mehr fokussiert genutzt werden können. Bonn wandte sich auch gegen die paritätische Vergabe leitender Funktionen der Universität, die in vielen Fällen zu einer negativen Auslese führten und dem Ansehen der Universität schade. Die Frage ausländischer Wissenschaftler laute häufig: "Habt ihr immer noch dieses Dienstrecht, wonach der berufene Professor keine Entscheidungen treffen kann und alle fragen muss?" An keiner Top-Universität der Welt werden laut Bonn Rektor, Dekan oder Institutsvorstand paritätisch ausgewählt.

Univ.-Prof. Dr. Friederike Hassauer (Universität Wien) skizzierte ihr Ideal einer modernen Universität mit Zitaten von Wissenschaftlerinnen aus acht Jahrhunderten über die Liebe zum Wissen, den süßen Geschmack des Studiums, die Sehnsucht der Philosophie und die Herzensneigung zu den Wissenschaften. Diese Herzensangelegenheit sei mit eiskaltem Verstand anzusehen. Daher kein Lamento zum jahrzehntealten Reformstau, aber die unbedingte Forderung, dass die Vision der neuen Universität Wirklichkeit werde.

Als Leistung der Universität bezeichnete Hassauer Wissenschaft in den vier Gestalten Lehre, Forschung, Ausbildung des Nachwuchses und Wissenstransfer an die Gesellschaft. Im globalen Wettbewerb heiße dies globaler Wettbewerb um die Exzellenz der Wissenschaft. Zeiten, in denen diese Leistungen gegen widrige Umstände, die Absurditäten des hiesigen Dienstrechts, die Ungunst des Kameralismus, die Lähmung durch obrigkeitliche ministerielle Führung, gegen die nationale Tradition struktureller Unterbudgetierung erbracht wurden, seien vorbei. Konkurrenzfähige exzellente Leistungen können nur unter konkurrenzfähigen exzellenten Rahmenbedingungen erbracht werden. Daher brauche es eine Reform der Universitäten und der Rahmenbedingungen. Das setzte politische Top-Priorität für die Reformuniversität als zentralen Standortfaktor im Wettbewerb der globalen Wissensgesellschaft voraus. Da diese Reform nichts für parteipolitische Hahnenkämpfe sei, wünschte die Referentin eine stabile politische Neuordnung des Wissenschaftssystems mit Planungssicherheit für die Universität. Damit trete die Universität in den staatsferneren Raum der Autonomie, der ein Raum der Freiheit wie der Pflicht sei, mit neuen Studien- und Leitungsstrukturen. Heilige Kühe wie paritätische Mitbestimmung, Pragmatisierung und Selbstrekrutierung seien zu schlachten.

Internationalität müsse zu einem Leistungsindikator und finanziell gratifiziert werden. "Blaulicht" sei tödlich für die Universität, sagte die Referentin schließlich und wandte sich im Geiste einer internationalen Universität gegen Antisemitismus und Ausländerwahn. Österreich brauche einen neuen Aufbruch und Ressortbudgets, wo Kulturkontakt und Kulturkonflikt erforscht werden, nämlich in den Kulturwissenschaften.

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