DER STANDARD-Kommentar: "Die Eskalation, die keine war: Der unkonventionelle Krieg zwischen Israelis und Palästinensern kann lange dauern (von Ben Segenreich) - Erscheinungstag 21.02.2001

Wien (OTS) - Unzählige Male ist das Wort "Eskalation" gefallen, seitdem im September ein neues Kapitel in der unendlichen Geschichte der Gewalt zwischen Israelis und Palästinensern begann. Letzte Woche wurden mit dem abgegriffenen Terminus abermals wahre Feste gefeiert.

Dem waren, gemessen an allem, woran man nun leider gewöhnt ist, relativ begrenzte Zwischenfälle vorangegangen. Eine Rakete der Hisbollah-Miliz traf einen israelischen Panzer, darauf zerstörten israelische Flugzeuge eine syrische Radarstation im Libanon. Wenige Stunden später schossen Palästinenser mit primitiven Kanonen aus dem Gazastreifen auf das israelische Städtchen Sderot, worauf israelische Bodentruppen ein paar Hundert Meter weit vorrückten.

Qualifiziert wurden diese Vorgänge in aufgeregten Berichten als "Zweifrontenkrieg", "israelische Aggression", "Einmarsch", "Besetzung", "Verletzung des Oslo- Abkommens" durch den "Scharfmacher" Ariel Sharon. Natürlich regen sich diffuse Kriegsängste, wenn Israel, das nach seinem Rückzug aus dem Libanon ein Recht auf Ruhe vom nördlichen Nachbarn hat, einmal nicht dem Untermieter Hisbollah, sondern dem Hausherrn Syrien auf die Finger klopft. Aber ist das schon ein "Krieg"? Im April 1996 etwa - als Friedensnobelpreisträger Shimon Peres Premier war - hat die israelische Kriegsmarine im Rahmen einer großen Operation gegen die Hisbollah auch syrische Stellungen beim Flughafen von Beirut beschossen, und die Syrer haben danach nicht gemuckst.

Und natürlich ist es ein bedenklicher Präzedenzfall, wenn israelische Soldaten die Grenze der Autonomiezone überschreiten. "Besetzt" wurde allerdings bloß ein unbewohnter Zipfel des Gazastreifens von rund einem Quadratkilometer, aus dem die palästinensischen Granatwerfer zurückgedrängt werden sollten. Nach 24 Stunden war alles schon wieder vorbei, von einer "Wiedereroberung des Gazastreifens" war nie die Rede gewesen.

Dass ausgerechnet dieser Vorstoß "das Oslo-Abkommen verletzt" haben soll, ist nach den monatelangen Kämpfen eine beinahe groteske Darstellung, denn das Oslo-Abkommen, in dem 1993 der "Verzicht auf den Einsatz von Terrorismus und andere Gewaltakte" zum Prinzip erhoben wurde, ist längst eine Ruine.

Von einer "Eskalation" zu sprechen ist schon deswegen ungenau, weil, so ernst die Lage auch ist, im Oktober und November täglich mehr Menschen getötet und verletzt wurden als jetzt. Der Eindruck einer "neuen Phase" entsteht immer wieder, weil ständig die Taktik geändert wird.

Wer in dem verwirrenden Konflikt den Durchblick behalten will, sollte immer die eingebauten Paradoxa vor Augen haben. Die Palästinenser haben den Konflikt ("Unabhängigkeitskrieg") begonnen, sie (Führung und Volk) wollen ihn und setzen ihn fort, obwohl sie die Schwächeren sind. Die Israelis wollen ihn beenden, obwohl sie die Stärkeren sind. Niemand will in einem konventionellen Sinn "gewinnen", indem der "Feind" aus irgendeinem Stück Territorium vertrieben oder zu einer Kapitulation gezwungen würde.

Das einzige Mittel der Palästinenser ist, durch entsetzliche Bilder internationalen Druck zu erzeugen, der zu israelischen Konzessionen führen soll. Das Gegenmittel der Israelis ist folglich, sich möglichst zurückzuhalten (weshalb Sharon ungefähr das Gleiche tut wie sein Vorgänger von der Arbeiterpartei, Ehud Barak).

Dabei geht es jeder Seite umso besser, je schlechter es ihr geht:
Als der kleine Mohammed Dura im Kreuzfeuer starb, hatten die Palästinenser die Oberhand; als zwei Israelis in Ramallah gelyncht wurden, punktete Israel. Ein solcher humanitär zwar katastrophaler, aber eben doch begrenzter Konflikt kann lange vor sich hin köcheln und muss nicht automatisch zu einer regionalen "Explosion" führen. Bestes Beispiel dafür ist die erste Intifada der Jahre von 1987 bis 1993.

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