DER STANDARD-Kommentar: "Pyrrhus siegte, Djukanovi'c auch: Montenegro bleibt in der Frage der Unabhängigkeit tief gespalten" (von Gerhard Plott)

Erscheinungstag 24.4. 2001

Wien (OTS) - Es war der König der Molosser und Hegemon des Epirotenbundes, der nach der gewonnenen, aber äußerst verlustreichen Schlacht von Ausculum gegen die Römer im Jahr 279 v. Chr. meldete:
"Noch einen solchen Sieg, und wir sind verloren." Pyrrhus hieß der Mann, und seither heißen auch manche Siege so.

König Pyrrhus eroberte zwar danach noch Makedonien und Thessalien - Gebiete, die heute dem Balkan zugeordnet werden -, fiel jedoch 272 in der Stadt Argos im Straßenkampf. Bis auf den besagten Spruch blieb wenig von ihm.

"Noch so einen Sieg, und ich bin verloren", kann nun auch Montenegros Präsident Milo Djukanovic nach dem hauchdünnen Gewinn der Parlamentswahlen sagen. Ob er damit wie Pyrrhus in die Geschichte eingehen wird, bleibt jedoch fraglich. Djukanovic hat hoch gepokert und sein politisches Schicksal auf eine Karte gesetzt: Er war sich einer absoluten Mehrheit sicher und wollte mit dieser Mehrheit im Rücken Montenegro im Alleingang in die Unabhängigkeit führen.

Umfragen bestärkten Djukanovic in seinem Kurs, er legte den Wahltermin vor, weil er glaubte, die Opposition ausbremsen zu können. Doch die Umfragen waren so falsch, wie die Meinungsforscher unfähig waren: Die Wähler wollten ganz einfach nicht so, wie es sich der junge Präsident gedacht hat.

Weit entfernt von einer absoluten Mehrheit, nur knapp 5000 Stimmen vor dem Oppositionsblock "Gemeinsam für Jugoslawien", muss Djukanovic nun wieder an den Anfang zurück. Gerade die Liberalen, die den Präsidenten mit ihrem bedingungslosen Eintritt für Unabhängigkeit im Wahlkampf vor sich hertrieben und die Djukanovic unbarmherzig wegen seiner Nähe zur Mafia angriffen, sind nun das Zünglein an der Waage in der montenegrinischen Politik. An ihnen gibt es kein Vorbeikommen. Sie werden dem Präsidenten nun trotz gleicher politischer Ziele das Leben so schwer wie möglich machen. Die Demütigungen, die der eher selbstherrliche Djukanovic im Regierungsalltag den Liberalen antat, werden gerächt werden.

Jetzt muss Djukanovic wieder durch die Ochsentour der Verhandlungen, die er sich mit einer absoluten Mehrheit hätte ersparen können. Nochmals Neuwahlen vom Zaun zu brechen, kann sich Djukanovic, der reichste Mann Montenegros, nicht leisten, er hat sein gesamtes Pulver verschossen. Er selbst war es, der schon vor den Wahlen von einem Rücktritt bei einer möglichen Niederlage orakelte.

Dabei ist Montenegro eigentlich de facto schon fast unabhängig:
Eine eigene Währung - praktischerweise die Deutsche Mark, die auch gleich ein Schlupfloch in die kommende Euro-Ära bietet -, eine eigene Armee, Grenzposten. Djukanovic hätte genauso gut auf Zeit spielen und sich seine Mehrheit für eine Unabhängigkeit auf dem Verhandlungsweg suchen können. Doch dann wäre er nicht mehr als der alleinige Vater der Unabhängigkeit in die Geschichtsbücher eingegangen.

Freuen dürfen sich nun die Serben: Obwohl sie seit dem Umsturz in Belgrad noch recht wenig für Reformen und eine glaubwürdige Wende zur Demokratie getan haben, bleibt das kleine Montenegro an Bord und erspart seinem größeren Partner schwere innenpolitische Probleme. Bei einem schnellen Auseinanderbrechen Jugoslawiens hätte es in Serbien ebenfalls Neuwahlen geben müssen, der Posten des jugoslawischen Präsidenten, den Vojislav Kostunica innehat, wäre obsolet geworden. Da sich der Alltag in Serbien noch immer nicht entscheidend verbessert hat, wäre ein Verzweiflungsvotum des Volkes durchaus im Bereich des Möglichen gelegen.

In Montenegro hat es Präsident Djukanovic jetzt praktisch amtlich, wie sehr das Volk in der Frage der Unabhängigkeit noch gespalten ist. Sein offenbar egoistisch motiviertes Vorpreschen, das versuchte Erzwingen der Loslösung, muss der Präsident nun büßen, seine Macht ist geringer geworden.

*** OTS-ORIGINALTEXT UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER

VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS ***

Rückfragen & Kontakt:

Der STandard
Tel.: (01) 531 70-0

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PST/OTS