"Neue Kärntner Tageszeitung" Kommentar: Legalisierter Tötungsporno

Ausgabe vom 21.04.2001

Die UNO-Menschenrechtskommission in Genf hat gestern öffentliche Hinrichtungen angeprangert. In diesem Zusammenhang kritisiert und verurteilt wurden Staaten wie der Iran, Sudan und der Kongo. Das "Mittelalter" halt. Nun ja, auch unser mitteleuropäisches "Mittelalter" liegt erst 50 Jahre zurück, und ob die Neuzeit der Menschenrechte wirklich schon angebrochen ist, ist gar nicht so sicher.

Das Interesse an öffentlichen Hinrichtungen scheint jedenfalls auch in unserer aufgeklärten, modernen, menschenrechtsorientierten Zeit gesichert. Wir haben zwar keine Todesstrafe - Gott bewahre! -, aber zuschau´n wollen wir trotzdem. Immerhin waren es keine iranischen Internet-Anbieter, sondern deutsche, die sich um die Übertragungsrechte der "Hinrichtung des Jahrzehnts" auch in unseren Breiten bemühten. In den USA, wo die Hinrichtung des Bombenattentäters von Oklahoma City am 16. Mai vorbereitet wird, soll ein TV-Event starten, der die Lynchjustizszenen der gesamten Hollywood-Westerngeschichte weit in den Schatten stellt. Die Kinder in der Hinrichtungsstadt kriegen schulfrei. Und 1400 Journalisten wollen Augenzeugenberichte von der Exekution per Giftspritze verfassen.

Es geht längst nicht mehr um den Vollzug der Strafe, nicht um Sühne und auch nicht um Abschreckung. Es geht um das Auskosten von Rache einerseits und um einen internationalen Voyeurismus, der vor nichts, ja vor gar nichts mehr zurückschreckt. Legalisierter Tötungsporno. Eine Verurteilung durch die UNO-Menschenrechtskommission ist in diesem Fall nicht bekannt.

*** OTS-ORIGINALTEXT UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER

VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS ***

Rückfragen & Kontakt:

Chefredaktion
Tel.: 0463/5866-502
E-Mail: ktzredaktion@apanet.atKärntner Tageszeitung

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | KTI/KTI