"Die Presse" Kommentar: "Schatten über Europa" (von Franz Schellhorn)

Ausgabe vom 18.4.2001

Wien (OTS) Der Schrecken sitzt tief. Nachdem in den High-Tech-Konzernen der USA
seit Monaten Massenkündigungen zum ökonomischen Alltag gehören, hat die Kündigungswelle nun auch Europa erfaßt. Philips setzt 7000 Mitarbeiter auf die Straße, bei Ericsson könnte heuer sogar jedem dritten Beschäftigten der blaue Brief ins Haus flattern. Von einem Ende des Zeitalters der Hochtechnologie kann deshalb freilich noch keine Rede sein. Vielmehr hat der in den neunziger Jahren als Wohlstandsspender fungierende Sektor durch die weniger optimistischen Perspektiven an Glanz verloren. Bitter ist diese Erkenntnis zweifelsohne für die vom Jobverlust betroffenen Beschäftigten und die Aktionäre.
Volkswirtschaftlich gesehen ist dieser Prozeß für sich alleine aber noch keine Katastrophe. Schließlich droht europaweit ein Mangel an qualifizierten Kräften. Freilich: Die jetzt auf die Straße gesetzten Mitarbeiter sind - so zynisch und hart das klingen mag - vielfach nicht die vielgepriesenen Technologie-Experten, sondern eher niedrig qualifiziertes Personal. Diese nun gestrichenen Arbeitsplätze sind auch nicht auf ewig verloren, sie werden - wie in anderen Branchen auch - eben nur in Zeiten der wirtschaftlichen Hochblüte nachgefragt.
Klar ist, daß Europa versagt hat, sich konjunkturell von anderen Wirtschaftssystemen zu emanzipieren und ein eigenständiges Wachstum zu realisieren. Wirklich überraschend kommt diese Feststellung aber höchstens für hartgesottene Technokraten in Brüssel. Das Gros der Konjunkturexperten war darauf vorbereitet. Kein Wunder. Immerhin erwirtschaften die USA rund ein Drittel der weltweiten Wirtschaftsleistung, Japan etwa ein Fünftel. Und beiden geht es derzeit gelinde gesagt nicht allzu gut.
Wirklich haarig wird es in Europa und den USA aber erst dann, wenn die schlechte Stimmung in der Industrie auch den Konsum nach unten zieht. Dann wäre auch der für die Volkswirtschaft und den Arbeitsmarkt zentrale Dienstleistungssektor von der negativen Stimmung getroffen. Ob die nicht gerade mit Flexibilität gesegneten europäischen Wirtschaftssysteme dieser drohenden Entwicklung gegensteuern können, bleibt schwer zu bezweifeln.

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