"Kleine Zeitung" Kommentar: "Begleiten statt (ver)helfen" (von Erwin Zankel)

Ausgabe vom 15.4.2001

Graz (OTS) - Haben in Österreich die Gewählten eine höhere Moral als die Wähler? Wenn man einer Meinungsumfrage trauen darf, befürworten fast 50 Prozent aller Österreicher die Sterbehilfe nach dem Modell der Niederlande, während sich nur ein Viertel dagegen ausspricht.

Ganz anders denkt hingegen das offizielle Österreich. Die sogenannte aktive Sterbehilfe wird von allen derzeit im Parlament vertretenen Parteien abgelehnt. Die Gegnerschaft ist zwar unterschiedlich
stark, doch herrscht im Grundsatz zwischen Regierung und Opposition Einigkeit.

Die Last der Geschichte, als die Nazis "unwertes Leben" ausrotteten, spielt eine Rolle, dass die Euthanasie in Deutschland und Österreich ein Tabu ist und das Entsetzen, dass in den Niederlanden die Tötung auf Verlangen von der Volksvertretung legalisiert wurde, bei uns größer war als sonst in Europa:

Erstmals setzte sich ein Mitglied der vom christlichen Abendland geprägten Wertegemeinschaft über die Verpflichtung des Staates hinweg, das menschliche Leben mit allen Mitteln zu schützen und dieses Gebot nicht nur in der Theorie, sondern auch in der Praxis durchzusetzen. Die Tradition reicht bis in die Antike zurück und wird seit Hippokrates von allen Ärzten beschworen: "Nie werde ich, auch nicht auf eine Bitte hin, ein tödliches Gift verabreichen."

Ethik und Eid allein können jedoch, wie das Beispiel der Niederlande zeigt, auf Dauer einen Dammbruch nicht verhindern. Bloß von der Kanzel herab zu predigen, hat noch nie genügt. Die Moral muss im Alltag umgesetzt werden und da hat unsere immer moderner, technisierter,
zugleich aber anonymer werdende Wohlstandsgesellschaft keine Antwort auf die Angst der Menschen vor dem Tod.

Hier liegt vermutlich die Ursache, warum sich in der Umfrage die Bürger anders als die Politiker äußerten. Viele fürchten sich vor den seelenlosen Betonbunkern eines riesigen Spitals, in denen hochgerüstete Apparate das Leben eines unheilbar Kranken qualvoll verlängern.

Dieses Urteil, das nicht nur ein Vorurteil ist, gilt es zu korrigieren. Wir geben zu Recht Milliarden für die kurative Medizin aus, überlassen aber die palliative Medizin, mit der die Beschwerden einer Krankheit gelindert, aber nicht mehr die Ursachen bekämpft werden, der Nächstenliebe. Die Hospizbewegung wird von privaten und kirchlichen Organisationen getragen, die Krankenhäuser tun noch zu wenig, die Krankenkassen fast nichts.

Wie nebensächlich wirkt doch der Streit um Ambulanzgebühren, die nicht viel höher sind als Parkgebühren, wenn man weiß, dass bereits 60 Prozent aller Sterbefälle Menschen über 75 betreffen. Da die Österreicher immer älter werden, wird die Frage, wie die Gemeinschaft mit den Alten und Kranken umgeht, immer dringlicher.

Wird das Problem nicht rasch angepackt, drohen auch in Österreich eines Tages die Dämme zu brechen. Noch kann man mit großem materiellen und ideellen Einsatz gegensteuern, um die Sterbenden menschenwürdig zum Tode zu begleiten, bevor der verzweifelte Wunsch laut wird, ihnen zum Tode zu (ver)helfen. ****

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