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"Presse"-Kommentar: Die Kirche: ruhig, zu ruhig (von Andreas Unterberger)

Ausgabe vom 14. April 2001

Wien (OTS). Ostern: Das höchste Fest der christlichen Kirchen ist guter Anlaß,
über die Rolle der Kirchen in diesem Land nachzudenken. Etwa darüber, daß nach Köpfen der Gläubigen die Muslime schon die Nummer zwei sind, also eine Gruppe, die mit Ostern nicht sehr viel im Sinn hat. Was bedeutet das für die Identität dieses Landes, das seit mehr als drei Jahrhunderten katholisch, seit mehr als einem Jahrtausend christlich dominiert ist? Ein Land, das vom Auftrag an den ORF bis zu den international im Spitzenfeld liegenden Kultursubventionen zwar viel von der Kulturnation Österreich redet, kann deren Wesen in Wahrheit nicht mehr definieren. Es weiß nicht mehr, ob es noch ein christliches oder ein laizistisches Land ist.
Nachzudenken ist auch darüber, daß es zweifellos von den katholischen Bischöfen weise war, sich nach den Kriegen nicht mehr politisch vereinnahmen zu lassen, vor allem wenn man die schmerzlichen Folgen sieht, die die offene Parteinahme evangelischer und jüdischer Exponenten für bestimmte politische Richtungen bei diesen Gemeinschaften auslöst.
Die katholische Kirche kann sich auch freuen, daß sich ihre Bischöfe nicht mehr Watschentänze liefern, nicht mehr für jene Peinlichkeiten sorgen, die noch vor wenigen Jahren die Illustrierten aufjubeln ließen. Eine Woche nach Ostern wird nun in einer wichtigen Diözese erstmals wieder ein Bischof in sein Amt eingeführt, ohne daß innerkirchlich die üblichen Flügelkämpfe und Wichtigmachereien von Funktionären stattfinden, die außer der eigenen Funktion nichts hinter sich haben.
Die diplomatische Vorsicht der österreichischen Kirche hat ihr genützt. Sie hat Würde zurückgewonnen. Ist sie aber auch eine geblieben, die uns etwas zu sagen hat?
Auch wenn sie sich zu Recht aus Alltags- und Parteien-Gezänk herauszuhalten versucht, ist es nur schwer verständlich, wie sehr sie sich über billigen Populismus hinaus ("Bei den Armen darf nicht gespart werden") bei den wirklichen und langfristigen Problemen verschweigt.
Wo sind etwa die warnenden Töne der Kirche - gerade weil sie sich so den Kindern verpflichtet fühlt - an der mangelnden Perspektive politischer Entscheidungen? Wenn Österreich weit mehr für Pensionen ausgibt als andere (15 Prozent des Nationalprodukts statt 11 im EU-Schnitt!), wenn Österreicher viel früher in Pension gehen als andere: Warum gibt es da nicht den mutigen Hirtenbrief, der den Menschen die Wahrheit sagt, daß gerade aus der Nächstenliebe, aus der Verantwortung heraus eine Generation, die immer länger lebt, die immer weniger Kinder zeugt, einfach länger arbeiten muß? Warum sorgen sich Exponenten der Kirche nur um eventuelle Härten der letzten (viel zu geringen) Pensionsalter-Erhöhungen?
Seit die Gefahren der globalen Erwärmung immer konkreter werden, wären auch viel lautere Worte über die Heilige Kuh Automobil am Platz (davon, daß wahrscheinlich nur die unpopulären Atomkraftwerke die einzige Alternative zur Überschwemmung ganzer Erdstriche sind, einmal ganz geschwiegen)? Wo sagt die Kirche, daß offene Globalisierung - also die Chance zu exportieren - der Dritten Welt mehr brächte als alle Entwicklungshilfe, für die sie sich so oft einsetzt? Daß dies auch die Alternative zur Massenmigration ist? Wann wendet sie sich neben dem legitimen Einsatz für Asylwerber gegen die verbrecherischen Schlepperbanden?
In dieser Welt warten viele Fragen auf ein ehrliches Wort einer Autorität, wie sie die Kirche sein müßte. Ist diese zu sehr fixiert auf alle Aspekte des sechsten Gebotes, auf alle überspitzten Auswirkungen der Gentechnik, daß sie nicht zu den verantwortungsethisch wichtigsten Dingen kommt? Oder fürchtet sie sich wie alle Politik einfach nur davor, Unpopuläres zu sagen?

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