"Tiroler Tageszeitung" Kommentar: "Schuss vor den Bug" (von Floo Weißmann)

Ausgabe vom 12. 4. 2001¶

Innsbruck (OTS) - Der Überdruck ist entwichen aus dem Konflikt zwischen China und den USA. Diplomaten haben mit feinsinnigen Worten und wohlmeinender Interpretation einen so genannten Ausweg gebastelt, ohne dass die Lage sich tatsächlich verändert hätte. Beide Seiten mussten schlicht raus aus dem Dilemma.

Zuviel stand auf dem Spiel. US-Präsident George W. Bush musste die Soldaten heimbringen, die Demütigung der einzigen Supermacht durch eine Geiselnahme beenden. China musste Widerstand der USA beim angestrebten Beitritt zur Welthandelsorganisation und bei der Bewerbung um die Olympischen Spiele befürchten. Auf beiden Seiten geht es auch um Export-Milliarden.

Was wirklich passiert ist, bleibt vielleicht für immer unklar. Es spielt auch keine Rolle im Propaganda-Match. Für den außenpolitisch unerfahrenen Bush dürfte die Affäre ein weiteres Lehrstück gewesen sein. Unter seinen Beratern hat sich der gemäßigte Außenminister Colin Powell gegen die Hardliner durchgesetzt.

Die Flugzeug-Affäre war ein Vorgeschmack auf die Krisensuppe, die sich im chinesischen Meer zusammenbraut. Peking rüstet militärisch und wirtschaftlich auf und will in der Region zur Hegemonialmacht werden.

Es gibt Streit um Fischereirechte, Bodenschätze am Meeresgrund, und um Inseln, die von mehreren Staaten beansprucht werden. Vor allem aber missfällt es China, dass die neue US-Führung moderne Waffen an Taiwan liefern will. Der Zeitpunkt für die Kaperung eines Spionageflugzeugs war möglicherweise kein Zufall.

Der Schuss vor den Bug der USA war vor allem eine Drohung an Taiwan und die Länder Südostasiens.

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