"Die Presse"-Kommentar: "High Noon auf Hainan" (von Anneliese Rohrer)

Ausgabe vom 11.4.2001

WIEN (OTS).Mehr als eine Woche nach Ausbruch der Krise zwischen Amerika und China um Aufklärung und Absturz über der Insel Hainan muß man sich jedwede Assoziation verbieten, die sich zur Zeit aufdrängt: Man sollte nicht an den Film "High Noon" denken mit den beiden Kontrahenten, jeder bereit, die Pistole als erster zu ziehen - auch wenn die Art, wie US-Präsident Bush über den Rasen des Weißen Hauses schreitet, die Arme leicht abgewinkelt, Erinnerungen daran wachruft. Man darf auch nicht an den Film "Thirteen Days" denken, der gerade in Wien angelaufen ist und die Zeit der Kuba-Krise 1962 behandelt, auch wenn er beschreibt, wie schnell etwas außer Kontrolle geraten könnte - vor allem, wenn (wie eben offenbar) die politische und die militärische Führung der USA unterschiedlicher Meinung über die angemessene "Härte" der Reaktion sind. Desgleichen darf man nicht daran denken, daß die USA traditionell Probleme gerne mit Waffen "lösen".
Auch sollte man den Streit um Wörter wie "sorry" (Entschuldigung) oder "regret" (Bedauern) nicht mit kleinlicher Semantik assoziieren. Dazu ist die Situation, in der zwei mächtigen Staaten das berühmte "Gesicht wahren" wollen, viel zu ernst. Den Kotau, den Peking in Washington sehen will, wird es nicht geben. Das unterstreichen auch die jüngsten Umfragen in den USA, wonach 68 Prozent der Amerikaner glauben, die Crew des US-Spionageflugzeugs habe sich nichts zuschulden kommen lassen, den Luftraum nicht verletzt.
Die normale Bevölkerung weltweit kann und will nicht glauben, daß sich kein Ausweg aus dieser Prestige-Krise finden läßt. Allerdings macht nicht nur das diplomatische Kräftemessen die Situation viel gefährlicher als ursprünglich angenommen, sondern vor allem tun es die anderen Komponenten dieses Konflikts: Es geht um Aufklärung und Aufrüstung; somit um das Problem der USA, über die Absichten Chinas Taiwan gegenüber informiert zu sein. Würde Taiwan angegriffen, müßte die USA der Insel militärischen Beistand leisten. Dann würde aus allen genannten Filmen plötzlich Realität werden. Jetzt ist ein Regisseur erforderlich, der eben nicht High Noon auf Hainan spielen läßt.

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