Experten: Jedes zehnte Kind leidet unter seelischer Erkrankung / Von Eltern wird viel Verständnis und Rückhalt verlangt

Hamburg (ots) - Psychische Erkrankungen von Kindern nehmen nach Erkenntnis von Experten tendenziell zu. Nach Schätzungen der Europäischen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie (ESCAP) sind ein Zehntel der Kinder davon betroffen, berichtet die Zeitschrift FÜR SIE. Die meisten Eltern seien kaum in der Lage, hinter auffälligem Verhalten die Not auf der Kinderseele zu entdecken. "Mehr oder weniger bewusst geben sie sich selbst die Schuld, wenn sich ihr Kind nicht ganz planmäßig entwickelt", sagt der Hamburger Psychologe Michael Thiel. "Vermutlich werden deshalb 'stille Kinderkrankheiten' so häufig übersehen", meint der Fachmann. Jeder Beginn eines neuen Lebensabschnitts - ob Geburt eines Geschwisterchens oder ein Umzug - sei für die meisten Kinder zunächst mit großen Ängsten verbunden. Sie befürchteten, "dass nichts mehr so ist, wie es war , und dass sie diese Situation nicht bewältigen können". Eltern sollten diese Ängste nicht bagatellisieren, auch wenn sie ihnen noch so übertrieben erschienen, rät der Psychologe.

Das Kind erlebe seine seelische Not sehr real. "Es kann seine Krise am besten meistern, wenn ihm dieEltern viel Verständnis und Rückhalt geben", sagt Thiel. Die Angst vor einem neuen Lebensabschnitt habe auch positive Seiten. Sie versetze das Kind in äußerste Anspannung und beflügele es so, das Beste aus sich herauszuholen. Das sei eine gute Voraussetzung für den nächsten Entwicklungsschritt. Zum anderen stärke es das Selbstbewusstsein des Kindes, wenn es seinen Kummer nach einer gewissen Zeit überwinden konnte. Kinder schafften das jedoch nicht, wenn die Situation, unter der sie litten, nicht vorüber gehe. So sei nicht selten die Trennung der Eltern oder der Verlust einer anderen wichtigen Bezugsperson der Auslöser für eine schwere Krise. Eine Psychotherapie halten die Fachleute laut FÜR SIE jedoch erst dann für notwendig, wenn folgende drei Faktoren zusammen kommen: Die Krise hält längere Zeit an. Sie behindert diealtersgemäße Entwicklung. Die Familie oder das Umfeld leiden darunter.

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