Mein Name ist Dr.

Ohne Titel ist jede Leistung nackt
(Von Hans Köppl)

Der Fall der Nicht-Magistra im Sozialministerium wirft ein Schlaglicht auf ein österreich-eigenes Verständnis von Leistung und Persönlichkeit. Leistungsträger ohne Titel werden niedriger eingestuft als Titelträger desselben Leistungsprofils. Nicht zuletzt hat Sozialminister Haupt das auffallend hohe Salär seiner Kabinettschefin mit ihrem akademischen Grad begründet. Woraus der Schluss gezogen werden kann, dass die nackte Leistung ohne Titel wohl nicht so hoch belohnt worden wäre. Davon wiederum abgeleitet heißt das, dass es im Verständnis des Sozialministers nicht so sehr die Leistung als solche sein kann, an der sich die Höhe der Honorierung bemisst, sondern dass vielmehr die Tatsache ausschlaggebend ist, wer diese erbringt: eine schlichte Frau Sowieso oder eine Frau Magistra.
Nun sei dahingestellt, ob Herr Mag. Haupt tatsächlich so denkt. Dass aber Titel in Österreich einen vergleichsweise hohen Stellenwert besitzen, darf als weithin unbestritten angenommen werden. Der Herr Doktor, der keineswegs ein Arzt sein muss, gilt von vornherein als wer Besserer gegenüber dem einfachen Herrn Irgendwer. Ein schlichter Name ist nichts, dagegen braucht ein Titel keinen Namen mehr. Die Unterschrift unter ein amtliches Dokument kann unleserlich sein, erkennbar muss in jedem Fall der akademische Grad sein, der vor dem Namen steht.

Der Titelkomplex der Österreicher fördert auch Auswüchse in die andere Richtung. Nicht wenige tüchtige Unternehmer, die selbst keine Akademiker sind, scheuen sich davor, Akademiker in ihre Betriebe einzustellen. Der Grund dafür liegt bei einem Gemisch aus Unterlegenheitsgefühl und Abneigung gegen vermeintliches Besserwissertum.
Im weitesten Sinne ist es ein Misstrauen in Tüchtigkeit und Leistungsfähigkeit, wenn als Nachweis dafür ein Titel herhalten muss. Ein Ausdruck dieses Misstrauens ist beispielsweise die Gewerbeordnung. Warum wohl ist die Selbstständigenquote in Österreich vergleichsweise gering? Gibt es hier zu Lande denn weniger unternehmerisch begabte Menschen als anderswo?

Lassen wir den Titel beiseite, der ja im Grunde nur der Nachweis für eine abgeschlossene Ausbildung ist. Auch auf dieser Ebene der Betrachtung zeigt sich ein klarer Unterschied etwa zum angelsächsischen Raum. Es kommt nicht von ungefähr, dass nicht nur der Begriff des Spin-offs ein unübersetzbarer Anglizismus ist, sondern dass auch dieser, aus dem akademischen Studium heraus erfolgende Sprung in die Selbstständigkeit ein in Österreich misstrauisch beäugtes Wagnis ist. Noch vor wenigen Jahren haben mehr als zwei Drittel aller Akademiker ihre berufliche Zukunft im Staatsdienst gesehen. Als A-Beamte und pragmatisiert, versteht sich. Wen wundertös da, dass in Österreich Ladenöffnung immer noch als Ladenschluss verstanden wird. Oder dass frei schaffende Künstler zwangsversichert werden; dass Pflichtmitgliedschaft einbetoniert ist und nicht individuelle Versicherungspflicht sein kann, weil Pflichtversicherung sein muss.
Dort, wo all das nicht ist, gibtUs freilich keine Hofräte.

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