Pittermann bei Psychiatrie-Enquete zum Weltgesundheitstag

Die psychiatrische Versorgung von Frauen muss spezifischen Anforderungen entsprechen und dies auch strukturell verankern

Wien, (OTS) "Die heutige Enquete zum Thema "Psychiatrie und Frauen. Eine Psychiatrie für Frauen?" möchte das Bewusstsein für dieses brisante Thema erhöhen und zur Entstigmatisierung psychisch kranker Frauen und Männer beitragen", betont Wiens Gesundheitsstadträtin, Prim. Dr. Elisabeth Pittermann, anlässlich der Eröffnung. Vom Zusammentreffen hochrangiger Experten aus diesem Fachbereich erwartet sich Pittermann außerdem die Definition künftiger Schwerpunktthemen im Bereich "Psychiatrie und Frauen" sowie mögliche Ansatzpunkte für die Umsetzung konkreter Projekte.****

Psychische Erkrankungen nehmen weltweit zu. Wir leben in einer Leistungsgesellschaft, deren Anforderungen weniger Raum für umfassendes individuelles Gesundsein lässt: vielfältige - auch von der Mode- und Werbeindustrie gestützte- Normen zeichnen das Bild einer jungen, leistungsorientierten, fitten, schlanken, aktiven, frohen Persönlichkeit, die keine Abweichung erlauben, ohne Gefahr zu laufen, diskriminiert zu werden.

"Frauen werden in vielen Bereichen benachteiligt, was Auswirkungen auf ihre Gesundheit hat", so Josèe van Remoortel, Executive Director von Mental Health Europe bei der Enquete. Remoortel fordert: "Armut, Gewalt und Alter haben großen Einfluss auf die seelische Gesundheit der Frauen. Politiker sollten jetzt Maßnahmen ergreifen!" Diskriminierung, sexuelle Belästigung, physische, psychische und sexuelle Gewalt, geringeres Einkommen bei gleicher Qualifikation und Arbeit sowie finanzielle Abhängigkeit gefährden die psychische Gesundheit von Frauen."

Die Diagnosen in den Entlassungsstatistiken des Wiener Krankenanstaltenverbundes von Frauen und Männern unterscheiden sich signifikant: bei Frauen wird wesentlich häufiger die Diagnose einer affektiven Störung, paranoiden Psychose, Neurose und Anpassungsstörung gestellt. Männer werden häufiger wegen Alkoholpsychosen oder Drogensucht behandelt.

Zwei Drittel aller verschriebenen Psychopharmaka werden an Frauen vergeben. Dies hat nach Ansicht von Frau Prof. Wimmer-Puchinger, der Frauengesundheitsbeauftragten der Stadt Wien, mehrere Ursachen: Frauen sprechen eher über ihre Probleme und gehen daher öfter zum Arzt als Männer. Psychische und physische Veränderungen im weiblichen Lebenszyklus werden häufig pathologisiert und medikamentös behandelt. Frauen sind durch Mehrfachbelastung (Beruf, Haushalt, Kinderbetreuung, Betreuung alter und/oder kranker Angehöriger,...) real mehr belastet als Männer. Frauen sind öfter seelischen Traumen ausgesetzt (sexueller Missbrauch, unglückliche Schwangerschaften, Fehlgeburten,...) als Männer.

70% der psychotherapeutischen Klientel ist weiblich. Dass überwiegend Frauen bei PsychologInnen oder PsychotherapeutInnen Unterstützung suchen zeigt für Wimmer-Puchinger, dass Frauen sich aufgrund ihrer Sozialisation eher eingestehen, Probleme zu haben und aktiver Hilfe suchen und auch annehmen. Unter Männern gilt dies -entsprechend dem Idealtypus - immer noch als verpönt.

In der Psychiatrie arbeiten wesentlich mehr männliche Pfleger als in anderen medizinischen Bereichen. "Dies wohl deswegen, weil psychische Krankheit häufig mit körperlicher Aggressivität und Gewalt assoziiert wird", vermutet Wimmer-Puchinger. "In höheren Hierarchieebenen findet sich nur ein weiblich besetztes Primariat von insgesamt 12 in Wien. Auch hier gilt, dass <die Psychiatrie weiblicher werden muss>", so Wimmer-Puchinger, der als Wiener Frauengesundheitsbeauftragten auch die Frauenförderung von Medizinerinnen ein zentrales Anliegen ist. "PatientInnen sollen zwischen weiblichem und männlichem Betreuungspersonal wählen können, denn viele Probleme wie z.B. Gewalterfahrung können in reinen Frauengruppen oder mit einer Ärztin leichter angesprochen und bearbeitet werden", begründet die Frauengesundheitsbeauftragte.

In Wien wurden im Rahmen des Wiener Frauengesundheitsprogrammes bereits einige österreichweit bekannte Initiativen und Projekte umgesetzt, die weitere Initiativen in anderen Bundesländern nach sich gezogen haben. Seit 2 Jahren läuft in Wien eine große Kampagne zum Thema Essstörungen mit dem Titel "Ich liebe mich. Ich hasse mich." Diesen Frühling startet ein Präventionsprogramm für Postpartale Depressionen sowie ein Aus- und Fortbildungsprogramm zum Thema Gewalt. Das Projekt "Karriere statt Barriere" hat zum Ziel, den Anteil von Frauen in Leitungspositionen zu erhöhen.

"Die medizinisch psychiatrische Betreuung von Frauen muss deren Bedürfnisse in der Vorsorge, Diagnostik, Therapie sowie in der Nachsorge im stationären wie ambulanten Bereich adäquat erfüllen", fordert Wimmer-Puchinger.

Die Stadt Hamburg, die sich dem Vorbild des Wiener Frauengesundheitsprogrammes angeschlossen hat, hat frauenspezifische Versorgungsangebote in der Psychiatrie entwickelt, wie z.B. eine Traumastation für Frauen mit schweren Gewalterfahrungen sowie eine psychiatrische Station für psychiatrisch kranke Mütter, die einen gemeinsamen Aufenthalt mit ihren Kleinkindern ermöglicht. Weiters hat die Stadt Hamburg spezielle Empfehlungen für eine frauenorientierte, psychiatrische Versorgung entwickelt.

Die Stadt München hat in der psychiatrischen Regelversorgung umfangreiche frauenspezifische Angebote, wie ein Frauentherapiezentrum, eine Zufluchtstelle für Mädchen und junge Frauen in Krisen- und Notsituationen, den Frauennotruf, die Beratungsstelle für Essstörungen etc. eingebunden. Das heißt frauenspezifische Ansätze haben in die psychiatrische Regelversorgung Eingang gefunden. "Die Stadt Wien will auf den Erfahrungswerten aus anderen europäischen Großstädten aufbauen", beschreibt Wimmer-Puchinger den weiteren Weg.

"Die psychiatrische Versorgung von Frauen muss all diesen spezifischen Anforderungen begegnen und dies auch strukturell verankern", fordert Wimmer-Puchinger abschließend. Bisher beruhen beispielsweise die Aufnahme von Mutter und Kind bei Postpartaler Depression, Kinderbetreuung für psychisch kranke Mütter mit Betreuungspflichten, reine Frauenstationen für Frauen mit Gewalterfahrungen oder fremdsprachige Therapieangebote für Migrantinnen auf individuellem Engagement Einzelner - ganz ohne strukturellen Rahmen und Infrastruktur. (Schluss) rog

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