"Jedermann"-Regisseur Christian Stückl über seine Pläne

Wien (OTS) - Der Mann, der Max Reinhardts Salzburger "Jedermann"-Inszenierung 2002 ablösen soll, ist der Bayer Christian Stückl, bekannt als Werner-Schwab-Spezialist und Leiter der Passionsspiele von Oberammergau. Im Interview für die Donnerstag erscheinende NEWS-Ausgabe skizziert er seine Pläne: Der Domplatz soll, ohne Tribünen und Podest, in seiner Gesamtheit bespielt werden. "Jedermann" wird zur ekstatischen Party, in der der Teufel von Anfang an auf der Bühne steht. Auszüge aus dem Interview:

Stückl: Als ich das Stück zum ersten Mal gelesen hab, hatte ich einen Schock. Ich habe zwar Oberammergau gemacht, und das war auch tiefkatholisches Gut. Aber "Jedermann" ist besonders gut. Da steht in der Bibel, dass eher ein Kamel durchs Nadelöhr geht als ein Reicher in den Himmel. Aber beim Jedermann ist das ganz einfach: Bekehrung fünf Minuten vor Schluss, und schon sind wir im Himmel droben. Das ist ein reines katholisches Propagandastück. Ein schwerer Brocken.

NEWS: Was also tun gegen so einen Text?

Stückl: Da fragen Sie mich sehr früh! Ich hab' es ja, Gott sei Dank, nie gesehen, nur auf Video mit dem Tukur, und von da her bin ich im Umgang mit dem Ganzen relativ frei. Mein Vorgänger im Amt hat ja Jahrelang mitgemacht. Ich hingegen kann relativ frei an den Text herangehen. Wenn ich das Gefühl habe, dass ich streichen muss, dann werde ich streichen. Ich versuche einen ganz freien Umgang und werde mich nicht von dem Text erschrecken lassen.

NEWS: Was für ein Kerl ist denn nun eigentlich der "Jedermann"?

Stückl: Der ist wirklich Jedermann, ich finde an dem auch gar nichts Schlimmes! Was macht er denn schon? Er feiert ein Fest, er mag nicht heiraten, er hat das Geld in der Hosentasche. Schön, den Schuldknecht bringt er ins Gefängnis, aber das tun ja andere auch, und der Frau gibt er sogar noch Geld.

NEWS: Werden Sie mit der Fassade des Doms etwas machen?

Stückl: Man muss mit dem ganzen Domplatz viel freier umgehen. Dieses Podest muss weg, und die Zuschauertribüne, und der ganze Platz muss bespielt werden. Das ist alles seit 70 bis 80 Jahren so, aber ich stelle mir einen viel freieren Umgang mit dem Platz vor.

NEWS: Nun sind Sie ein Spezialist für den Orgien- und verfallsspezialisten Werner Schwab. Auch der "Jedermann" birgt ja eine Orgie in sich, obwohl derzeit bei der Tischgesellschaft nur fade höhere Töchter herumlungern.

Stückl: So, wie sie jetzt ist, kann die Tischgesellschaft nicht bleiben! Es ist ja so: Im ersten Moment, wo der Jedermann auf die Bühne kommt, belegt er den ganzen Platz: "Mein Haus, mein Pferd, mein Schiff!" Lästigerweise steht halt auch noch die Kirche da. Schon in der ersten Szene tritt der Koch auf - also für mich ist das ganze von Anfang an eine Farce. Schon in der ersten Szene geht die wilde Party los. Und sicher nicht wie bisher so, dass man gesittet an einem Tisch sitzt, der schön säuberlich in der Mitte auseinanderfällt, und dass da ein Opernchor singt.

NEWS: "Jedermann" wird anarchisch?

Stückl: Hoffen wir's! Ich finde es auch schade, dass der Teufel erst am Schluss vorkommt. Das ist eine starke Figur, viel besser als Glaube und Gute Werke. Bei mir muss er die ganze Zeit auf der Bühne sein, nicht als so ein Nummernkasperl! 'Der Kampf zwischen Himmel und Hölle wird allgegenwärtig sein'.

NEWS: Peter Simonischek wird Ihr Jedermann. Wohin führt man diesen phantastischen Schauspieler?

Stückl: Ich kenne ihn nur von der Bühne, und er gefällt mir sehr. Das ist so ein Lackl von einem Mannsbild, und wenn Sie da so etwas über die Ferres sagen, muss man den Simonischek dazu bringen, die Ferres auch zu nutzen.

NEWS: Wird Jedermann im Straßenanzug auftreten wie seinerzeit Helmuth Lohner? Oder lassen Sie den barocken Prunk?

Stückl: Heutige Kostüme machen wir sicher nicht. Man muss schon mit diesem barocken Mysterienspiel umgehen. Natürlich so, dass es uns heute noch was sagt. Aber mit einem weißen Anzug geht das sicher nicht. Wir bleiben schon im Barock

NEWS: Werden Sie die Buhlschaft etwas zügelloser bekleiden als bisher?

Stückl: Alle! Wenn ich den Jedermann in seiner Pluderhose und seinem roten Westerl sehe - das wird alles anders! Genauso bei der Buhlschaft. Die hat ein schönes Kleid, aber man wird schon schauen müssen, dass das Ganze ein bissl orgienhafter wird.

Ende Heinz Sichrovsky

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