"Kleine Zeitung" Kommentar "Wenn Haider wegbricht" (von Erwin Zankel)

Ausgabe vom 01.04.2001

Graz (OTS) - Alles dreht sich um Jörg Haider, obwohl andere Ereignisse mindestens so wichtig sind. Das ist seit vielen Jahren so und wird sich auch in den nächsten Jahren nicht ändern, weil seine Person der Angelpunkt der Politik in Österreich ist.

Selbst im Niedergang bestimmt Haider noch die Themen und das Tempo. Er war vor und nach den Wiener Wahlen der Mittelpunkt. Vorher als Anlass der Erregung und Empörung, nachher als Objekt von Spott und Schadenfreude. Der Boxer, der angriffslustig in den Ring geklettert ist, hängt angeschlagen in den Seilen.

Ein blaues Auge hat aber nicht nur Haider ausgefasst. Vor dem Niederschlag steht auch schon die gesamte Wende-Regierung, die sich noch so fest auf den Beinen fühlt.

Warum wurde der Wechsel überhaupt möglich? Fünfzehn Jahre lang hat Haider gegen das herrschende System angekämpft. Die Mittel mögen zweifelhaft gewesen sein, der Erfolg war eindeutig. Zunächst räumte die FPÖ die ÖVP ab, dann unterhöhlte sie die Hochburgen der SPÖ. Viermal hielt das rot-schwarze Bündnis dem blauen Ansturm stand, ehe es im fünften Anlauf an innerer Auszehrung zusammenbrach.

Schon 1986 bestand rein rechnerisch eine andere Mehrheit, doch dauerte es bis 2000, dass sich die ÖVP aus der Umklammerung durch die SPÖ und selbst dieser Ausbruch wäre kaum möglich geworden, wäre die ÖVP bei den Nationalratswahlen 1999 nicht auf den dritten Platz abgesackt. Erst der Blick in den Abgrund ermutigte die beharrenden Kräfte, den Absprung zu wagen.

Schneller als erwartet oder befürchtet könnte sich dieser Entschluss als Sprung ins Nichts herausstellen, weil die FPÖ wegbricht und die ÖVP nichts zulegt.

Bei den Landtagswahlen in der Steiermark, die für die neue Regierung eine erste Prüfung waren, schien es noch, als würde das Bündnis im Bund gestärkt. Die FPÖ erlitt zwar schmerzliche Einbußen, doch gewann die ÖVP mit Waltraud Klasnic mehr als die Blauen verloren. Aus Sicht der Schwarzen war die Heimholaktion der untreu gewordenen Wähler geglückt.

Bereits die Landtagswahlen im Burgenland ließen an der Fortdauer des Trends zweifeln. Die Gemeinderatswahlen in Wien brachten dann die endgültige Ernüchterung. Nicht nur, weil Michael Häupl die Bundeshauptstadt wieder absolut rot einfärbte, sondern weil gleichzeitig die Grünen die verblichenen Liberalen aufsaugten. Die beiden lager, die sich seit einem Jahr gegenüber stehen, sind keine geschlossenen Gefäße, in denen der Blutaustausch untereinander erfolgt. Auf die Wende könnte in drei Jahren wieder der Wechsel folgen.

Wien bestätigte, was sich schon in den Industriestädten der Steiermark abzeichnete, dass nämlich die Arbeiter zur SPÖ zurückpendeln. Haider hat durch die Regierungsbeteiligung den Reiz eingebüßt, der Rächer der Enterbten zu sein. Wenn nun auch die Jungen abwandern und zu den Grünen überlaufen, ist für Schwarz-Blau die Mehrheit dahin.

Wolfgang Schüssel wiegt sich in trügerischer Sicherheit. Als bloßer Kanzler-Wahlverein wird seine Partei alles verspielen - nicht nur die Macht. ****

*** OTS-ORIGINALTEXT UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER

VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS ***

Rückfragen & Kontakt:

Redaktionssekretariat
Tel.: 0316/875-4032, 4033, 4035
email: redaktion@kleinezeitung.at
www.kleinezeitung.at

Kleine Zeitung

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PKZ/PKZ