DER STANDARD-Kommentar: "Täter und Opfer: Im israelisch-palästinensischen Konflikt gibt es keine lösungsorientierte Ebene mehr" (von Gudrun Harrer) - Erscheinungstag 30.3.2001

Wien (OTS) - Mit den Angriffen auf Yassir Arafats Leibgarde, mehr oder weniger plötzlich als "Force 17" in die öffentliche Aufmerksamkeit gerückt, zieht sich die israelische Schlinge enger um den Palästinenserführer zusammen. Es sieht tatsächlich so aus, als ob der große Unterschied in der Strategie der neuen israelischen Regierung zur alten der ist, es auf Arafat selbst abgesehen zu haben (was bitte nicht heißt, dass man ihn umzubringen beabsichtigt). Zynisch gesagt, soll dadurch wohl Arafats Interesse geweckt werden, den Terror, der während der letzten Tage Israel heimgesucht hat, abzustellen; "er kann nicht" - etwa der Hamas, die sich zuletzt zu einem Anschlag bekannt hat, etwas befehlen - gibt es nicht mehr.

Das mag so manchem inner- und außerhalb Israels logisch erscheinen und gefallen, ob es etwas bringt beziehungsweise wie es mit einem weiter geschwächten Arafat oder auch ohne Arafat weitergeht, kann niemand beantworten. Es ist wahrscheinlich auch egal. Der israelisch-palästinensische Konflikt hat sich zumindest auf offizieller Ebene längst wieder jeder lösungsorientierten, wissenschaftlichen Annäherung entzogen.

Nicht nur in der gewaltbereiten, korrupten palästinensischen Führung, und in den extremistischen palästinensischen Gruppierungen sowieso, auch in der entwickelten Demokratie Israel - und da auch in der israelischen Linken, die das Scheitern Baraks historisch legitimieren muss - sind, ganz wie in Vor-Oslo- Zeiten, wieder die Aufrechner am Werk, die sich jede Einsicht von Ursache und Wirkung versagen. Und natürlich die PR-Berater. Das in Hebron getötete Baby gibt es schon auf Badges zum Anstecken.

Die sich selbst zelebrierenden Führer und Unterführer der arabischen Welt, die nur wenige Stunden vor dem Beginn der israelischen Angriffe ihren Gipfel in Amman beendeten, werden in diesem Szenario nicht einmal in Betracht gezogen. Warum denn auch. Jordanien, der Gastgeber, lebt von amerikanischer Militär- und Wirtschaftshilfe. Amr Moussa, der neue Generalsekretär, der in Ägypten in Popstar-Rang aufstieg - "Ich hasse Israel, und ich liebe Amr Moussa", singt das Teeny-Idol Shaaban Abdelrahman seit dem Ausbruch der Intifada -, war letztlich als ägyptischer Außenminister in den letzten zehn Jahren ein verlässlicher Partner der USA. In Saudi- Arabien (und in anderen Golfstaaten) sind Tausende amerikanische Soldaten und Waffen, Tendenz steigend, stationiert. Syrien ist arm, und der Irak ein bisschen lächerlich. Den Rest kann man vergessen.

So gesehen könnte Israel die arabische Welt ruhig links liegen lassen. Auch der Ruf, der dem neuen amerikanischen Präsidenten George W. Bush vorauseilte, hat sich bisher nicht bewahrheitet - nämlich dass er Israel distanzierter gegenüber steht (erstens, weil er die jüdischen Stimmen nicht so dringend braucht wie sein Vorgänger, und zweitens, weil er mit den Arabern gute Ölgeschäfte machen will).

Kein Grund zur Sorge? Die Radikalisierung der arabischen Straße, die durch den Friedensprozess erst einmal abgebremst wurde, ist wieder in vollem Gange. Die Verquickung der Palästinenserfrage mit dem ungelösten Irak-Problem musste von den einschlägigen Politikern nicht einmal aufwendig betrieben werden, sie ergab sich von selbst.

Wieder sehen sich Millionen Araber und Muslime über die Identifikation mit den Palästinensern - den Besetzten - und den Irakern - den Ausgehungerten - als Opfer und stoßen damit auf völliges Unverständnis in der westlichen Welt, wo sie nur als Täter -die, die Israel nicht haben woll(t)en - gesehen werden. Genauso geht es den Israelis in der islamischen und arabischen und überhaupt in der Dritten Welt, wozu noch die zahlenmäßige Unterlegenheit und das schreckliche Leiden daran kommt, dass dort nicht einmal die aus einem anderen Kontext stammende Opferrolle - der Holocaust - anerkannt wird. Die ungeschriebene Einsicht von Oslo, dass man Täter und Opfer zugleich sein kann, scheint wie eine Erinnerung an ferne Zeiten.

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