- 17.03.2001, 17:43:30
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"Kleine Zeitung" Kommentar: "Die Spirale der Erregung" (von Erwin Zankel)
Ausgabe vom 18. März 2001
Graz (OTS) - Vor drei Wochen ist der Fasching zu Ende gegangen,
doch geht der Tanz jetzt erst richtig los. Auf dem Wiener
Stephansplatz ballten tausende die Fäuste, bliesen in die
Trillerpfeifen, lauschten den Manifesten von Künstlern und
beklatschten die Proteste von Intellektuellen. Wieder einmal nähert
sich die Republik - zumindest jener Sektor, auf den sich die
Scheinwerfer der Fernsehkameras richten - dem Zustand der
hochgradigen Erregung und wieder einmal dreht sich alles um Jörg
Haider.
Über den Anlass der Empörung herrscht Einigkeit. Das seit der
Regierungsbildung nur noch einfache Parteimitglied hat bei seiner
Aschermittwoch-Rede in der Rieder Turnhalle wieder einmal über die
Stränge geschlagen. Nicht nur mit seinem müden Witz, dass die
Deutschen mit Bundeskanzler Gerhard Schröder einen "Koffer in
Berlin" hätten und nicht nur mit dem bösartigen Vergleich, wenn der
Straßenkämpfer Joschka Fischer Außenminister sein könne, dann werde
man demnächst Bankräuber zu Bankdirektoren machen.
Der eigentliche Skandal war das primitive Wortspiel mit dem Vornamen
des Präsidenten der Israelitischen Kultusgemeinde, Ariel Muzicant,
der auch der Markenname eines Waschmittels ist. Haider kann
hundertmal beteuern, dass ihm Antisemitismus fremd sei und dass er
mit dem Sager, er verstehe nicht, wie jemand, der Ariel heiße, so
viel "Dreck am Stecken" haben könne, bloß einen Scherz machen wollte
- seine Zuhörer, nicht nur im Bierzelt, verstanden die Botschaft,
wie sie gesagt und vermutlich gemeint war.
Auch die nachgeschobene Begründung, es müsse in einer Demokratie
doch zulässig sein, den Repräsentanten einer Religionsgemeinschaft
zu kritisieren, wenn dieser der Regierung "den Krieg erklärt",
ändert nichts. Wenn sich Haider missverständlich ausgedrückt hat,
hätte er sich entschuldigen müssen. Ihm ging es nicht um Kritik an
der in der Tat hinterfragungswürdigen Rolle Muzicants, sondern um
ein Kitzeln antisemitischer Instinkte.
Ein eindeutiger Fall. Abstoßend und verwerflich. Die Verurteilung
entbindet freilich nicht von einer Beurteilung des Echos, das mit
gehöriger Verspätung über Österreich hereinbrach. Plötzlich müssen
alle Stellung nehmen, angefangen vom Bundeskanzler bis hinab zum
Zwerg in einer Landesregierung. Die Spirale der Erregung dreht sich
immer schneller. Die Klischees kehren wieder. Österreich wird als
Naziland braun eingefärbt.
Das Wechselspiel ist eingeübt. Haider provoziert und profitiert.
Seine Gegner bemühen die Moral und schielen nur nach der Auflage.
Nach den Landtagswahlen in der Steiermark und Burgenland schien es,
dass die FPÖ bei den Wiener Gemeinderatswahlen eine vernichtende
Niederlage erleiden und unter zwanzig Prozent absacken werde. Das
ist eine Woche vor dem Wahltag nicht mehr so sicher. "Vielleicht
würden es", vermutet die Neue Zürcher Zeitung, "manche Gegner der
FPÖ geradezu bedauern, wenn diese am 25. März so schlecht
abschneiden sollte, wie es ihr die Meinungsumfragen verheißen."
Haider hatte immer seine gar nicht so unfreiwilligen Helfer. ****
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