"Die Presse" Kommentar: "Haiders Schatten" (von Ernst Sittinger) Ausgabe: 16.2.2001

Wien (OTS) Aus der Sicht Jörg Haiders haben die Ereignisse eine eindeutige
Logik: Solange er zu Themen wie BSE-Krise oder Semmeringtunnel spricht oder gerade den Wiesenmarkt in St. Veit an der Glan eröffnet, nimmt man außerhalb der Kärntner Landesgrenzen kaum noch Notiz vom Altparteiobmann und antifaschistischen Gottseibeiuns a. D. Vergreift er sich aber ordentlich im Ton, dann starren alle Kaninchen wieder gebannt auf die Schlange. Und kühlt er sein Mütchen gar am Chef der israelitischen Kultusgemeinde, dann ist dem Kärntner Regionalpolitiker allemal eine weltweite Aufmerksamkeit und Erregung gewiß.
Daß sich mit mehrwöchiger Verzögerung nun sogar das amerikanische State Department mit Haiders stilistisch und inhaltlich letztklassigem Bierzeltauftritt in Ried herumplagt, dürfte in diesem Sinne in Klagenfurt eine nur mühsam zurückgehaltene Zufriedenheit ausgelöst haben. Als Beobachter kann man freilich nur den Kopf schütteln. Daß Haider damit aufgewertet wird, ist die eine Sache. Daß ein altbekannter Schulterschluß-Effekt einsetzt, die andere:
Auch Menschen, die Haiders Anwürfe verabscheuen, haben keine große Freude mit Einmischungen und Belehrungen aus einem Land, das nicht nur beim Thema Todesstrafe selbst im Glashaus sitzt.
Der ebenso unnötige wie unerfreuliche Eklat könnte - theoretisch -bereinigt werden. Haider, der ja beteuert, nichts Antisemitisches im Sinn zu haben, müßte sich schlicht entschuldigen. Er müßte dies mit einer höheren Glaubwürdigkeit als im November 1999 tun, als er in einer Erklärung mit hörbarem Widerwillen "einige Äußerungen, die mir zugeordnet wurden, die durchaus unsensibel oder mißverständlich waren" bedauert hat. Und er müßte auch die anderen Verunglimpften, vom deutschen Kanzler Gerhard Schröder über Frankreichs Jacques Chirac bis zu Agrarkommissar Franz Fischler, in seine Entschuldigung einbeziehen.
Daß Haider echte Reue zeigt - und daß seine Gegner dies auch anerkennen, ist freilich so ziemlich das unwahrscheinlichste Szenario der heimischen Politik. Denn über den eigenen Schatten kann man nicht springen. Auch wenn dieser noch so kurz ist.

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