DER STANDARD-Kommentar: "Panikattacken, Heilsgesabber: MKS, BSE, AGCT: Über Macht und Ohnmacht der neuen Symbole" (von Michael Fleischhacker)

Wien (OTS) - Das Erregungsbedürfnis, das unsere nachmoderne Mediengesellschaft kennzeichnet, hat einen neuen Erreger, und er sorgt für ein Höchstmaß an Befriedigung: MKS. Der Ausbruch der Maul-und Klauenseuche in Großbritannien, seine Ausbreitung auf das europäische Festland und das Auftauchen von MKS-Fällen auf allen Kontinenten treibt die üblichen hysterischen Blüten. Einige Staaten haben sogar den Import von Getreide aus den Staaten der EU verboten, obwohl eine Übertragungsgefahr durch Getreide nicht gegeben ist.

Wieder brennen Rinder, wieder erzittert Europa unter apokalyptischen Vorstellungen. Wir erkennen sie ja wieder, die Rauchschwaden über den englischen Feldern: Es ist die endzeitliche Tristesse der imposanten Pestszenen, die uns beim Ansehen mittelalterlicher Kostümfilme so wohlig erschauern lässt.

Ob wir die "Geißel Gottes" von ehedem heute MKS oder BSE nennen, ist zweitrangig. Der an sich entscheidende Unterschied - BSE ist auf die "widernatürliche", "agrarindustrielle" Verfütterung von Tiermehl an Pflanzenfresser zurückzuführen, MKS eine Art "natürliches" Virus wie die Grippe beim Menschen - ficht uns nicht an. Weil in beiden Phänomenen ein drittes verborgen ist, das heute zugleich zur Verdammung und zur Verherrlichung von allem und jedem herhalten muss:
die Globalisierung. Ja, die Globalisierung, das ist so eine: Nicht nur das Kapital ist heute mobil, sondern auch der Schrecken. Und natürlich die Hysterie.

Die Erregungs- und Überhitzungsphänomene durchdringen alle Lebensbereiche: In der Ökonomie wechseln einander Schreckensnachrichten und Heilsbotschaften von den Aktienmärkten ab, die Kunstpropheten verkünden in regelmäßigen Abständen das vollständige Aussterben von Gattungen (das Tafelbild beispielsweise ist schon viele Tode gestorben), um andere zu unumschränkten Herrschern auszurufen (den Film etwa oder das Internet).

Was MKS und BSE im Bösen heißt, das bedeutet AGCT im Guten: Die vier Buchstaben (für die Basenpaare Adenin, Guanin, Cytosin und Thymin) gelten seit der Bekanntgabe der Entschlüsselung des menschlichen Genoms als Heilssymbol schlechthin. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung druckte die immer wiederkehrende Kombination auf mehreren großformatigen Zeitungsseiten ab, als ob es ein neues, eintöniges Evangelium zu verkünden gälte. Im Grunde unterscheidet sich die ehrfürchtig angebetete Kombination nicht von den drei Buchstaben, die, meistens in Kreuzstich gehalten, in den "Herrgottswinkeln" der alten Bauernhäuser prangten: "Jesus Christus, der Retter", meinte das aus dem Griechischen kommende Kürzel IHS. Frommen Christen und einfachen Gemütern galt es als Abkürzung für den "neuen Menschen", von dem heute auch die intellektuell hochgerüsteten Bioreligiösen träumen.

Auf den ersten Blick möchte man angesichts der allgegenwärtigen Mystifikationen von einer "neuen Macht der Symbole" sprechen. Wir sehen die Buchstabenkombinationen und erschauern. Auf den zweiten Blick wird aber klar, dass die heutige Faszination gerade in der "Ohnmacht der Symbole" liegt. Das "Symbol" des Altertums war ja nichts Unerklärliches, im Gegenteil, es war ein schlichtes Wiedererkennungszeichen. Wurde in der Antike eine Familie zerrissen, zerbrach man einen Ring. Beim Wiedersehen legte man die beiden Teile zusammen (griech.: symbolein), um sicher zu sein, dass man den Richtigen gefunden hatte.

Der Umgang mit Symbolen setzt also Wissen voraus. Die heutige Faszination von "Symbolen" wie AGCT lebt vom Gegenteil: Wir sind fasziniert, weil wir so gar nichts wissen. Und so wird aus den Gefahrenzeichen, die den antiken Menschen an bereits gemachte Erfahrungen erinnerten, die wild inszenierte Panikattacke. Und das Heilszeichen, dessen Wirksamkeit sich einer gemeinsamen, sei es einer religiösen oder auch nur familiären Tradition verdankt, verkommt zum eitlen Heilsgesabber.

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