"Die Presse"-Kommentar: "Strahlende Scheinheilige" (von Franz Schellhorn)

Ausgabe vom 15.3.2001

WIEN (OTS). Die in Europa seit Jahren tobende Debatte über die Nutzung der Kernenergie bleibt an Widersprüchlichkeiten kaum etwas schuldig. Den Höhepunkt setzte Deutschland, als es mit dem Ausstieg aus der Atomkraft beschloß, ausgerechnet jene Kernkraftwerke abzuschalten, die weltweit als die sichersten gelten. Gleichzeitig geht in Tschechien ein Reaktor ans Netz, dessen Sicherheit, gelinde gesagt, angezweifelt wird.
Den Gipfel der Unsachlichkeit liefert wieder einmal Österreich. Seit Tagen geistern Warnungen von Politikern aller Couleurs durch die Medien, wonach der Ausverkauf der heimischen E-Wirtschaft an einen ausländischen Atomstrommulti drohe. Auslöser ist ein Angebot aus Deutschland für einen Teil des Aktienpakets an der niederösterreichischen EVN.
Ein derartiges Angebot war nur eine Frage der Zeit. Schließlich waren sich die inländischen Versorger in den vergangenen Jahren nur darin einig, sich nicht auf einen gemeinsamen großen Österreich-Konzern einigen zu können. Dafür können ausländische Bieter herzlich wenig. Auch die Politik wird sich nicht auf Dauer mit Hinweisen auf das Ausland aus der Verantwortung stehlen können. Schließlich vertritt sie das Mehrheitseigentum an den öffentlichen Versorgern. Warnungen vor einer Gefährdung des heimischen Anti-Atomstromkurses sind jedenfalls lachhaft. Der einzige Gestaltungsspielraum Österreichs besteht darin, selbst keine Atomkraftwerke zu errichten. Diese Entscheidung steht ohnedies außer Diskussion. Viel mehr ist aber nicht zu holen. Kein Staat wird sich von uns vorschreiben lassen, wie er seine Energie aufzubringen hat.
Selbst Politiker müssen akzeptieren, daß Österreich im Winter Atomstrom importieren muß. Sollen diese Einfuhren abgedreht werden, werden im Inland neue Kraftwerksbauten nicht zu vermeiden sein. Daran wird auch kein Wahlkampf etwas ändern. Die Reduktion des CO2-Ausstoßes, der Ausstieg Europas aus der Atomkraft und der Wunsch nach niedrigen Strompreisen werden noch auf Jahre hinaus nicht unter einen Hut zu bringen sein. Hell erstrahlen werden bis dahin zumindest die Heiligenscheine in der heimischen Politik.

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