DER STANDAR-Kommentar: "Bären beenden den Winterschlaf: Der Kursrutsch an den internationalen Aktienbörsen hat an Breite gewonnen" (von Günter Baburek) - Erscheinungstag 15.3.2001

Wien (OTS) - An den internationalen Aktienbörsen sind die Bären -so werden die Marktteilnehmer genannt, die auf sinkende Kurse setzen - endgültig aus dem Winterschlaf erwacht. Sie haben die Schönwetter-Börsianer, auch als Bullen bezeichnet, vorerst vom Parkett vertrieben, das an vielen Börsen heute ohnehin nur noch ein virtuelles ist.

Dass eine lange Hausse-Periode - mit kurzen Unterbrechungen stiegen die Aktienkurse mehr als zehn Jahre an - eines Tages zu Ende gehen würde, war allen Anlegern klar, die sich ein Mindestmaß an Realismus bewahrt haben. Gefürchtet wird von ihnen nur der große Crash, ein Absturz der Aktienkurse innerhalb von ein oder zwei Tagen um 20 und mehr Prozent. Ein solcher "freier Fall" kann in der Folge unkontrollierbare Marktentwicklungen und längere Durststrecken auslösen.

Ein derartiger Kurssturz ist diesmal ausgeblieben. Die Erosion der Anteilswerte der Unternehmen erfolgte schleichend. Über einen längeren Zeitraum hinweg gesehen waren die Auswirkungen aber nicht weniger dramatisch. Zumindest in jenem Segment, das als Wachstumsbörse bekannt ist, wie etwa die Nasdaq in New York oder der Neue Markt in Frankfurt, an denen vor allem Technologiewerte gehandelt werden.

So befand sich der Composite-Index der Nasdaq vor ziemlich genau einem Jahr noch über der 5000-Punkte- Marke und ist zu Beginn dieser Woche erstmals seit Mitte Dezember 1998 wieder unter die 2000-Punkte-Marke gefallen. Ein satter Verlust von mehr als 60 Prozent innerhalb eines Jahres, der vor allem jenen Anlegern wehtut, die voll auf die New Economy setzten.

Mitleid mit ihnen ist dennoch nicht angebracht. Denn die so genannten Werte, die durch den Kursrückgang der letzten zwölf Monate verloren gingen, wurden zuvor in der Rekordzeit von nur 14 Monaten geschaffen. Dass solche Entwicklungen mit der realen Wirtschaft wenig zu tun haben, ist offensichtlich. Kein Unternehmen wird quasi über Nacht um 60 Prozent mehr wert und verliert diesen Wertzuwachs ebenso schnell wieder. Aber an den Börsen werden schließlich nicht reale Werte gehandelt, sondern Erwartungen und Hoffnungen.

Und die Erwartungen in die Neue Ökonomie, vor allem repräsentiert von den so genannten Dotcoms, waren eben zu hoch gesteckt. Die neuen Technologien werden sich zwar durchsetzen, aber wohl nicht in dem Tempo und/oder Ausmaß, von dem die größten Optimisten unter den Investoren ausgegangen sind.

Vor allem aber wird dann eine Vielzahl jener Unternehmen, die in der Hoffnung auf das schnelle Geld auf den New-Economy-Zug aufgesprungen sind und sich die für das erhoffte Wachstum notwendigen Eigenmittel über die Börse beschafft haben, nicht mehr existieren. Sie werden Opfer jenes Marktgesetzes geworden sein, wonach sich eben der Tüchtigere durchsetzt.

Die jüngste Börsenkrise hat zwar ihren Ausgang von den Wachstumswerten genommen, schließlich aber auch die Old Economy erfasst. Selbst die Titel traditionsreicher Unternehmen aus längst etablierten Branchen gerieten unter Druck. Nach den Gründen für diese Entwicklung braucht man nicht lange suchen. Die US-Wirtschaft zeigt nach der längsten Aufschwungperiode der Nachkriegszeit seit Herbst vergangenen Jahres erstmals wieder Schwächezeichen. Gewinnwarnungen prominenter Unternehmen tragen bei den Anlegern nicht eben zur Vertrauensbildung bei, weshalb Kursrückgänge eine logische Folge sind.

Kursrückgänge an der Wall Street, dem weltweit größten und bedeutendsten Aktienmarkt, haben stets auch analoge Entwicklungen an den meisten übrigen Börseplätzen zur Folge. Selbst gute Konjunkturaussichten, wie sie derzeit für Europa gelten, sind als Korrektiv zu wenig. Die Anleger werden erst dann wieder Vertrauen in die Märkte fassen, wenn die Wall Street entsprechende Signale dafür aussendet. Das ist vorläufig nicht der Fall, weshalb bis auf weiteres wohl die Bären regieren werden.

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