"Kleine Zeitung" Kommentar: "Der reaktionäre E-Herd" (von Hubert Patterer)

Ausgabe vom 11.3.2001

Graz (OTS) - Diese Regierung entwickelt eine methodische
Eigenart, die zunehmend stilprägend wird: Sie setzt Taten überhastet, rühmt sie, spricht von Meilensteinen, kommt drauf, dass unter den Steinen Unausgegorenes wuchert, bessert hektisch nach, ändert ab, kommt ins Streiten, Fetzen und Windeln fliegen, keiner kennt sich aus, was gilt. So war es bei der Unfallrentensteuer, so war es bei den Ambulanzgebühren und so geschah es diese Woche beim Kindergeld, das rechtzeitig zur Befeuerung des Wiener Wahlkampfs beschlossen wurde noch ehe das Budget saniert ist.

Wie lange wird der Vorrat aus dem Familienfonds reichen? Werden die, denen das Geld zu gedacht ist, die Kinder, dereinst die Schulden für das mildtätige Werk abzahlen müssen? Die Frage ist klärungspflichtig wie so manches krude Detail: Dass beamtete Mütter die vollen zweieinhalb Jahre risikolos konsumieren können, während für alle anderen der Kündigungsschutz nach zwei Jahren erlischt, ist nur schwer kommunizierbar. Das süße Geld wird ohne Netz bitter schmecken.

In der Sache muss man das Kindergeld vor den Ideologie-Salven der Gegner freilich in Schutz nehmen. Ab Jänner 2002 hat jede Mutter bis zum dritten Lebensjahr des Kindes Anspruch auf 6000 Schilling. Das wird dann nicht mehr Karenzgeld, sondern Kindergeld heißen. Das Karenzgeld hieß so, weil das Wort von careo kam, bin frei von, Karenz also die Auszeit vom Beruf bezeichnete mit Rückkehrgarantie. Wer noch keinen Beruf hatte (Studentin) oder den falschen (Bäuerin, Hausfrau), ging als Mutter im sozialdemokratischen Wohlfahrts- und Vollkaskostaat leer aus.

Auch sonst war das mit dem Freisein so eine Sache. Wer in der Karenz den Kontakt zum Beruf nicht verlieren und mehr als 4000 S dazuverdienen wollte, wurde von der fortschrittlichen Regierung bestraft: frau verlor einen Teil des Karenzgeldes. Das Freisein endete übrigens schon nach eineinhalb Jahren, da man das letzte halbe, Jahr strich. Die Frau Prammer hat das gefreut, weil die Mutter vom reaktionären E-Herd erlöst wurde, aber die alleinerziehende Verkäuferin, die finanziell gezwungen war, nach der Karenz wieder zu arbeiten, war in der Bredouille: Sie fand für ihren eineinhalbjährigen Spross, dem sie gern ein wenig länger ihre Wärme und Zuwendung geschenkt hätte, keinen Krippenplatz, weil es zuwenig gibt. Die Alleinerzieherin wollte arbeiten, konnte aber nicht. Alles, was ihr blieb: Notstandshilfe.

Künftig ginge es ihr besser. Sie könnte zwei (wenn sie ihrem Chef vertraut: zweieinhalb) Jahre zu Hause bleiben, sich fortbilden oder bis zu 200.000 S im Jahr dazuverdienen, ohne dass ihr der Staat auf die Finger klopft. Sie kann entscheiden, was sie mit dem Kinderbetreuungsgeld macht und was für das Kind und sie am besten ist.

Offenbar trauen die Familienpolitikerinnen der SPÖ den Frauen diese Entscheidungskompetenz nicht zu. Denn sonst käme die Opposition nicht dauernd mit ihren Ideologiesprechblasen aus den 70ern, spräche nicht unentwegt von der Herd falle und der Häuslichkeitsprämie und davon, dass man die Frauen mit den 6.000 Schilling aus dem Berufsleben dränge: Aufgewärmter Unfug. ****

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