LDC-Initiative: Sudan will Zuckerexportpotenzial versechsfachen

Devisen statt Eigenversorgung: "Alles für Waffen" statt "Alles außer Waffen"?

Luxor/London, 7. März 2001 (AIZ). - Die bevorstehende Liberalisierung des EU-Zuckermarktes durch die kürzlich vom Rat verabschiedete "Alles außer Waffen"-Initiative zur Öffnung des Binnenmarktes für die 48 ärmsten Entwicklungsländer (LDC) ruft bereits die ersten potenziellen Zuckerlieferanten auf die Bühne: So will der Sudan, der einzige Netto-Zuckerexporteur des Mittleren Ostens und eines der 48 begünstigten Entwicklungsländer, nach Angaben eines hohen Regierungsbeamten kürzlich bei einer Konferenz zur Rolle des arabischen Raumes am Zuckerweltmarkt in Luxor seine Zuckerproduktion derart ankurbeln, dass das Land seine Zuckerexporte bis 2005 auf 1 Mio. t von derzeit (2000/01) 150.000 t mehr als versechsfachen kann. Damit könnte dieses Land alleine rund 7,5 % des derzeitigen, bisher von der eigenen Zuckerwirtschaft gedeckten Verbrauchs der EU von rund 13,4 Mio. t decken. In Afrika gilt neben dem Sudan auch noch Äthiopien als einer der potenziellen Big-Player bei künftigen Zuckerlieferungen in die EU. Beide Länder gehören auch nicht den AKP-Staaten an, denen die EU schon bisher innerhalb einer Quote von rund 1,3 Mio. t eine Präferenz für zollfreie Zuckerlieferungen eingeräumt hat; Importe aus diesen Staaten würden also voll auf Kosten des künftigen Produktionspotenzials der EU gehen. In Asien gilt Bangladesh als der potenteste künftig mögliche Zuckerlieferant. Chris Carter, Agrarexperte des britischen Zuckerunternehmens British Sugar, das jährlich 1,3 Mio. t Zucker raffiniert und den Großteil des in die EU importierten AKP-Rohzuckers verarbeitet, bezeichnete daher laut Reuters "Alles außer Waffen" kürzlich als inkoheränt und auf dem Rücken anderer Entwicklungsländer. Insgesamt, so fürchtet Carter, könnten die von "Alles außer Waffen" begünstigten LDC ihre Zuckerexportpotenziale so weit steigern, dass sie nach 2009 bis zu 40 % des EU-Zuckerverbrauchs zuliefern und damit europäischen Zucker vom Heimmarkt verdrängen könnten. ****

Laut Mohamed El Mardi, Marketingdirektor des größten sudanesischen Zuckerunternehmens Kenana Sugar Company Ltd, verfüge der Sudan über nahezu unbeschränktes Produktionspotenzial. Zwischen Blauem und Weißem Nil stünden mehr als 140.000 ha fruchtbares Land mit Bewässerungsmöglichkeiten im Überfluss zur Verfügung. Der Sudan sei mit Produktionskosten von rund 6 bis 7 Cents pro Pfund Zucker (umgerechnet etwa ATS 1,98 bis ATS 2,30 pro kg Zucker) sehr wettbewerbsfähig, analysiert El Mardi die Marktchancen. Tatsächlich dürften in der EU die Kosten für Rohstoff und Produktion der Zuckerindustrie derzeit etwa beim Vier- bis Fünffachen liegen. An der schon heuer eröffneten zollfreien EU-Zuckerquote der EU für die LDC von gut 74.000 t (mit jährlich 15 % Zuwachs bis zum Beginn der vollkommenen Liberalisierung) will sich der Sudan mit zumindest 10.000 t eine stolze Scheibe abschneiden.

Niedrige Kosten, Auslandskapital und Produktion für Export statt Eigenversorgung

Das niedrige Kostenniveau des Sudan resultiert nach den Worten des Zuckermanagers auch daraus, dass internationales Kapital, etwa aus China, in das Land fließe, womit laufend neue Zuckerindustrien aufgebaut würden und hunderttausende Hektar bereits urbar gemachtes Land mit bestehenden Bewässerungsanlagen aus der Produktion für den eignen Lebensmittelbedarf des Landes genommen würden und für den Anbau von Exportprodukten wie Zucker oder Mais umgewidmet würden. Auch die sudanesische Regierung arbeitet fieberhaft am Ausbau der staatseigenen Zuckerindustrie.

"Alles außer Waffen" oder "Alles für Waffen"?

Dem Produktionsziel des Sudan von 1,6 Mio. t Zucker im Jahr 2005 steht zum Beispiel nur ein Eigenverbrauch von 600.000 t gegenüber. Wie die anderen beiden Hechte im Karpfenteich der LDC-Zuckerexporteure, Äthiopien und Bangaladesh, zählt der Sudan nicht gerade zu den Entwicklungsländern mit einem Nahrungsmittelüberfluss zur Versorgung der eigenen Bevölkerung. Vielmehr sehen internationale Analysten die Politik der teilweise auch in ihrem Demokratieverständnis wenig entwickelten Regierungen, zum Teil sogar übelste Militärdiktaturen, so, dass diese Regimes auch auf Kosten von Hunger im eigenen Land lediglich ihr Interesse an Deviseneinnahmen aus einer zunehmenden Exportorientierung ihrer Landwirtschaften verfolgten. Womit die von der EU als entwicklungspolitische Initiative gemeinte Importliberalisierung mit dem Ausschluss von Waffen- und Munitionslieferungen aus den LDC zwar ausschließlich friedliche Ziele beabsichtige, aber dadurch, dass sie mit den Exporterlösen aus Lieferungen an die EU diesen Regierungen Geld für Waffenkäufe in die Hand gebe, in der Realität das Gegenteil erreichen könnte. "Alles außer Waffen" könnte somit schnell zu "Alles für Waffen" mutieren, so ein Beobachter gegenüber dem AIZ. (Schluss) pos

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