DER STANDARD-Kommentar: "Zeit ist wichtiger als Geld: Das Dilemma der Vereinbarkeit von Familie und Beruf löst auch das Kindergeld nicht" (von Martina Salomon) -

Erscheinungstag 2.3.2001

Wien (OTS) - "Auf in die Zukunft statt zurück an den Herd" titeln die Grünen eines ihrer Wiener Wahlplakate. An den Herd "gefesselt" zu sein ist zum größten Schreckensbild moderner junger Frauen geworden. Das allerdings macht es auch den Männern nicht gerade leichter, vorübergehend hauptberuflich Kind und Haushalt zu schupfen.

Dabei wäre die Teilnahme des männlichen Geschlechts am familiären Alltag einer der Schlüssel zur Beseitigung von Ungerechtigkeiten, die Frauen im Erwerbsleben erfahren. Wenn auch junge Väter endlich in größerem Umfang Karenz und Pflegetage in Anspruch nehmen würden, wäre das Kinderkriegen nicht mehr der größte Job- und Gehaltskiller für Frauen. Österreichische Männer sind aber leider besonders konservativ. Kein Wunder, dass sich immer weniger Frauen - ähnlich wie in Italien oder Spanien - trauen, Kinder in die Welt zu setzen.

Die Regierung versucht gerade, diesen Trend mit einem "Kinderbetreuungsgeld" aufzuhalten. Das sei eine fatale Frauenfalle, warnt die Opposition. Es erhöhe die Wahlmöglichkeiten, beruhigen FPÖ und ÖVP. Beides ist richtig. Längere, durch Kinder verursachte "Karrierelücken" - das berichteten Wissenschafter den aufmerksam zuhörenden freiheitlichen Politikern am Montag in einer FP-Enquete im Parlament - werfen Frauen gegenüber männlichen Berufskollegen dauerhaft zurück.

Andererseits: Sind wirklich alle Frauen so dumm, dass man ihnen nicht zutrauen kann, sich für das individuell Richtige zu entscheiden? Ist die Regierung der böse Wolf, der unschuldige Greteln in den düsteren Wald auf den Karrierefriedhof lockt?

Immerhin ist die starke Erhöhung der Zuverdienstgrenzen eine Chance für Mütter (und Väter!), weiter in ihrer Firma präsent zu bleiben, um nach der Babypause wieder leichter Fuß zu fassen. Denn der Wiedereinstieg ist eines der größten ungelösten Probleme beim Kinderkriegen. Wer sich im Übrigen sorgt, dass Frauen (und Männer) finanziell vom berufstätig gebliebenen Partner abhängig sind, müsste logischerweise ein Pensionssplitting fordern.

Das Kinderbetreuungsgeld allein ist ohnehin kaum der Weisheit letzter Schluss. Umfragen haben immer wieder gezeigt, dass junge Eltern weniger an Geld als an familienfreundlichen Arbeitszeiten interessiert sind. Immerhin beteiligen sich bereits einige (vor allem größere) Firmen an "Familien-Audits". Schließlich rechnet sich Familienfreundlichkeit von Betrieben sogar - zumindest durch deutlich motiviertere Mitarbeiter.

Andererseits ist die neuerdings rundum geforderte grenzenlose Flexibilität und Mobilität genau das, was nur kinderlose Singles mühelos leisten können.

Eigentlich unfassbar ist das Defizit an öffentlicher Kinderbetreuung im reichen Österreich - und zwar qualitativ und quantitativ. Das fängt bei überquellenden Kinderkrippen für die Kleinsten an, in denen miesest bezahlte Betreuerinnen (na klar, ein Frauenjob) ihren anstrengenden Dienst leisten. Und das endet bei einem Schulwesen, das nach wie vor darauf abgestellt ist, dass Eltern nachmittags daheim mit ihren Kindern lernen und dadurch ein zweites und ein drittes Mal maturieren "dürfen". Das spürt offenbar selbst der Bundeskanzler:
"Ich hab’s!", soll er nach stundenlangem Brüten über Skripten im Flugzeug gerufen haben. Es war die Mathematikaufgabe des Sohnes.

Familienfreundlichere Betriebe, bessere Kinderbetreuungseinrichtungen und partnerschaftliche Teilung familiärer Lasten - das wären mit ziemlicher Sicherheit die wichtigsten Fortschritte, um Kinder nicht zum Luxusgut postmaterialistischer Freaks sowie armer Einwanderer mit traditionellen Frauenbildern werden zu lassen.

In Deutschland versucht die Familienministerin gerade mithilfe einer Kampagne auch Männer "an den Herd" zu locken. "Mehr Spielraum für Väter" nennen sich die Werbespots. In Österreich hat das einmal halbe-halbe geheißen. Genutzt hat es nichts.

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