WirtschaftsBlatt-Kommentar: Ein Genie müsste man sein (von von Peter Muzik)

ausgabe vom 7.3.2001

wien (OTS) - Wenn man das Image eines Wunderwuzzis hat, dann ist halt alles viel einfacher: Andreas Grünbichler beispielsweise, erst seit knapp 14 Monaten Vorstand der Steiermärkischen Sparkasse, ist offenbar so ein rarer Glückspilz. Der 37-jährige Banker wird daher im Moment gleich für zwei allseits begehrte Top-Jobs gehandelt: Er könnte dem Vernehmen nach entweder Chef der geplanten Allfinanz-aufsicht werden oder demnächst, wie der Kurier berichtete, als Vorstandsdirektor in der ÖIAG landen. Beides sind Spitzenpositionen, für die es hierzulande nur sehr wenige ernst zu nehmende Kandidaten gibt - weshalb es eine Ehre ist, im Gespräch zu sein, aber zugleich eine höllische Gefahr. In einem Land wie Österreich, wo die Neigung zum Durchschnittlichsein in jeder Hinsicht liebevoll kultiviert wird, selbstverständlich auch in den Führungsetagen der Unternehmen, haben es grosse Talente, die zu Hoffnungen Anlass geben, besonders schwer. Sie werden häufig zu früh zu sehr gelobt - und bisweilen alsbald wieder eiskalt fallengelassen, wenn sie die hochgeschraubten Erwartungen nicht erfüllen. Gerade im staatsnahen Bereich haben sich bereits etliche solcher Dramen abgespielt, sind Manager, die mit Vorschusslorbeeren überhäuft worden waren, plötzlich unter die Räder gekommen und in der Versenkung verschwunden. Da die wirklich grossen Management-Kaliber à la Erhard Schaschl, Norbert Zimmermann oder Claus Raidl, um nur drei Beispiele anzuführen, in Österreich höchst seltene Ausnahmen sind, sollten überdurchschnittliche Geheimtipps wie Grünbichler mit besonderer Vorsicht behandelt werden. In seinem Fall zeichnet sich nämlich Folgendes ab: Grünbichler kann zwar auf eine blendende Karriere verweisen - z.B. war er Ordinarius für Finanzmarktforschung an der renommierten Universität St. Gallen und er ist auch bestimmt kein Greenhorn. Der Sprung an die Spitze der Bankenaufsicht oder der ÖIAG käme für ihn allerdings mit Sicherheit zu früh, wäre nach menschlichem Ermessen kaum problemlos zu verkraften. Auf diese Weise würde man einen zweifellos exzellenten Mann, der eine steile Karriere vor sich hat, vorzeitig ausbremsen und gnadenlos verheizen. Der frühere Professor, der lobenswerterweise in die Praxis gegangen ist, sollte vorerst den Beweis liefern dürfen, dass er mehr ist als ein vermeintliches Genie - (Schluss) PM

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