"Die Presse"-Kommentar: "Die Zerstörer" (von Christian Ultsch)

Ausgabe vom 7.3.2001

WIEN (OTS). Ihr Leitmotiv ist die Zerstörung. Alles, was nicht in ihr primitiv-paranoides Weltbild paßt, wollen sie zum Verschwinden bringen. Die afghanischen Taliban-Milizen führen Krieg gegen die Zivilisation. Mit der barbarischen Verwüstung der antiken Buddha-Statuen bei Bamiyan haben sich Religionsführer Mullah Omar und seine blindwütigen Jünger endgültig in die Isolation manövriert. Auf eine internationale Anerkennung ihrer Regierung dürfen sie wohl nicht mehr hoffen, auch wenn sie eines Tages auch noch die restlichen fünf Prozent Afghanistans erobern sollten.
Nicht einmal ihre einstigen Paten im benachbarten Pakistan bringen Verständnis für ihren jüngsten kulturellen Terrorakt auf. Mit dem Islam, den die Taliban so groß auf ihre Fahnen schreiben, hat derartige Intoleranz nicht im entferntesten zu tun. Nirgendwo steht im Koran geschrieben, daß Heiligtümer anderer Religionen vernichtet werden sollen. Moslemische Gelehrte auf aller Welt, von Ägypten über den Iran bis Indonesien, haben das nach dem Anschlag auf die beiden in den Fels gehauenen Buddha-Staaten bei Bamiyan in aller Deutlichkeit festgehalten.
Doch Fundamentalisten vom pathologischen Schlage der Taliban lassen nicht mit sich reden. Alle Versuche zur Rettung des Weltkulturerbes in Bamiyan schlugen fehl. Die Inder schlugen vor, die massiven 50 Meter hohen Statuen abzutransportieren. Abgelehnt. Ein afghanischer Ingenieur, der in London lebt, regte an, vor den Buddhas eine Wand zu errichten. Abgelehnt. "Wir werden uns dem Druck der Ungläubigen nicht beugen", ließ Mullah Omar ausrichten.
Ein zivilisierter Dialog ist mit den Taliban nicht möglich. Seitdem sie vor sechs Jahren von ihren Koranschulen im pakistanischen Grenzgebiet aufgebrochen sind, haben die selbsternannten Gotteskrieger Afghanistan endgültig in den Abgrund geführt. Die Welt schaute weg, als Mullah Omar seiner archaischen, fehlgeleiteten Auslegung des Islam monströses Leben einhauchte.
Afghanistan gleicht heute einem Geisterhaus. Frauen werden wie räudige Hunde behandelt. Sie sehen die Welt nur noch durch ein schmales Gitterfenster, das in ihre sackartige Kleidung eingelassen ist. Arbeiten dürfen sie nur in ihren eigenen vier Wänden. Mädchen wird der Schulbesuch versagt. Einer ganzen Generation wird die intellektuelle Luft genommen. Millionen Menschen sind aus dem Bürgerkriegsland geflohen.
Wer geblieben ist, muß sich jeden Tag darum sorgen, wie er zu einem Stück Brot kommt. Vom Wirtschaften haben die Taliban keinen blassen Schimmer. Das einzige, was sie beherrschen, ist die Kriegsführung; das Geld dafür verdanken sie dem Anbau von Opium.
Lang haben die USA auf die afghanischen Islamisten gesetzt. Zunächst, um die Sowjetunion zurückzudrängen, und dann, um eine Ordnungsmacht zu schaffen. Sie setzten erst die Daumenschrauben an, als sie erkannten, daß die Taliban Afghanistan in einen Hort des Terrorismus verwandelt haben. Immer noch weigern sich die Machthaber in Kabul, Amerikas Staatsfeind Nummer eins, Osama bin Laden, auszuliefern. Auch die jüngste Verschärfung der UN-Sanktionen hat sie nicht zum Einlenken bewegt. Im Gegenteil: Der harte Kern der Taliban ist offenbar noch radikaler geworden.
Der internationalen Gemeinschaft bleibt nicht viel anderes übrig, als dem Treiben der Taliban tatenlos zuzusehen. Eine militärische Intervention scheint ausgeschlossen. Wer will schon in den afghanischen Bürgerkrieg hineingezogen werden? Und eine Ausweitung der Sanktionen oder gar ein Stopp der Hilfslieferungen schadet nur der ohnehin darbenden Bevölkerung. Die einzige Hoffnung ist, daß sich die Taliban zersplittern, ihr Zerstörungswerk also eines Tages gegen sich selbst richten.

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