Ist Gassner das klassische Bauernopfer? von Günter Fritz

Kommentar 3.3.2001

Wien (OTS) - Der Prozess um die Milliardenaffäre bei der Bank Burgenland ist nach zwei Wochen vorzeitig zu Ende gegangen. Der Ex-Chef der Bank wurde zur Höchststrafe von zehn Jahren Haft verurteilt. Das Eisenstädter Schöffengericht, vor dem Ernst Gassner wegen Untreue und Vergehen nach dem Aktiengesetz angeklagt war, wertete es zwar als mildernd, dass der Angeklagte bisher unbescholten und ihm keine finanzielle Bereicherung nachzuweisen war, dass ausserdem die Kontrollmechanismen nicht so funktioniert hätten wie erforderlich. Dennoch wurde der Strafrahmen zur Gänze ausgeschöpft. Begründung: Der Tatzeitraum von fast zehn Jahren, die Ausnützung seiner Stellung als Generaldirektor und der Schaden in der Höhe von 1,8 Milliarden Schilling. Gassner, der vor der Affäre eine grosse Nummer im Burgenland war, hat sich ins geselschaftliche Out manövriert. Er verhielt sich während des Verfahrens äussert ungeschickt, meinen Beobachter des Prozesses, legte sich mit der Richterin an, zeigte sich uneinsichtig und beteuerte seine Unschuld. Das Unglück für ihn: Aus dem ursprünglichen Anklageentwurf war der Krida-Aspekt ausgeklammert und das Verfahren so entpolitisiert worden: Den Eigentümervertretern und politisch Verantwortlichen wurde damit das Erscheinen im Zeugenstand erspart. Vor allem der Haupttäter Gualterio Alejandro Hom-Rusch, der Gassner mit überbewerteten Grundschuldbriefen und gefälschten Bilanzen die Milliarden herausgelockt hatte, hat gefehlt. Er wartet jetzt in einer Berliner Zelle auf seinen Prozess. Dort gibt es weder öffentlichen noch politischen Druck, wann und zu welchen Verfahren es kommen wird, ist derzeit noch völlig offen. Aller Voraussicht nach wird Hom-Rusch glimpflicher davonkommen als Gassner. Das Eisenstädter Urteil zeigt jedenfalls, dass in Österreich Delikte, bei denen es um Geld -speziell um jenes von Banken - geht, in der Regel strenger bestraft werden als solche, bei denen Gewalt gegen Menschen im Spiel war. Schläger oder Vergewaltiger werden auch dann so gut wie nie zu zehn Jahren Freiheitsentzug verurteilt, wenn ihre Opfer unter Dauerschäden leiden oder für den Rest ihres Lebens psychisch angeknackst sind. Angesichts dieser Diskrepanz stellt sich doch die Frage, ob Gassner, auch wenn er selbstherrliich agiert hat, in der ganzen Affäre doch nicht etwas von einem Bauernopfer hat? (Schluss) gf

*** OTS-ORIGINALTEXT UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER

VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS ***

Rückfragen & Kontakt:

Wirtschaftsblatt
Redaktionstel.: 91919-305

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PWB/OTS