"Die Presse" Kommentar: "Ausländer und andere Tabus" (von Andreas Unterberger)

3.3.2001

Wien (OTS) Einige Altpolitiker saßen im Fernsehen zusammen, plauderten über den
Wiener Wahlkampf und verstärkten den Eindruck, daß dieser eher ein Schlafkrampf ist. Verblüffend war lediglich der breite Konsens, daß das Thema Ausländer nun wirklich nicht vor Wahlen zu diskutieren wäre.
Sie liegen damit auf der Welle eines neuen Biedermeiers: Galt in den 70er Jahren die Kreisky-Taktik, die ganze Gesellschaft mit Demokratie zu tränken, so gilt nun für eine neue Elite das Gegenteil. Diese will heikle Fragen möglichst der öffentlichen Diskussion entziehen und "außer Streit stellen", weil sie sich "nicht für Wahlkampfpolemik eignen".
Freilich: Genauso gefährlich wie Angst vor dem Gespräch mit dem Wähler sind die krassen Vereinfachungen schwieriger Probleme. Zwar ertönt in Österreich (noch?) nicht der Ruf "Ausländer raus". Viel differenzierter ist die Diskussion aber auch bei uns nicht als in anderen Ländern, wo man Asylwerber gleich auf einsame Inseln verbannen will.
Damit sind wir indirekt bei der ersten Vereinfachung: Viele lautstarke Kritiker der österreichischen Ausländerpolitik verschweigen die Lage in anderen westlichen Ländern - oder haben gar keine Ahnung davon.
Auf der anderen Seite ignoriert die Politik von FPÖ und ÖVP - leicht verkürzt: "Ja zum Asylrecht, nein zur sonstigen Einwanderung" -ebenso die Realitäten. Europa steht ein Menschenmangel im satten zweistelligen Millionenbereich bevor. Der Immigrationsdruck wird daher wachsen, vor allem in Zeiten der Hochkonjunktur. Familien- und Kinderförderung, die Umlenkung der Ausbildung auf den wirklichen Bedarf des Arbeitsmarktes sind zwar, wenn sie einmal realisiert werden, Teile einer richtigen Politik, aber keineswegs ausreichend. Über alles andere herrscht Schweigen. Ignoriert wird etwa auch die Tatsache, daß Völker und Regionen, die sich abschließen, die die Zuwanderung absolut verhindern, kurzfristig zwar stabiler sind, aber langfristig saft- und kraftlos werden. Sie werden ohne befruchtende Ideen und Anstöße, ohne "frisches Blut", wie es eine alte Redewendung sagt, verkümmern.
Selektives Schweigen findet sich umgekehrt auch bei der Industrie, die ihren Ruf nach billigen Arbeitskräften mit einem billigen humanitären Mäntelchen umgibt. Sie ignoriert aber, daß jeder Zuwanderer, insbesondere wenn er auf Dauer und mit Familie, aber ohne Bildung kommt, nicht nur Gehaltsempfänger und Steuerzahler ist, sondern auch eine Fülle an sozialen Kosten auslöst. Von den explosiven und langfristig teuren Folgen der Ghettobildung bis zum Unterricht für Kinder anderer Muttersprache und anderer kultureller Sozialisation. In Hinblick auf die vielzitierten und benötigten IT-Spezialisten wird verschwiegen, daß die weltweit leider kaum zu finden sind.
Caritas und idealistische Jugendlichen wieder ignorieren die Tatsache, daß auch eine saubere Asylpolitik immer mit Härten verbunden sein muß. Angesichts des Wohlstandsgefälles ist nämlich die Versuchung zum Asylmißbrauch viel zu groß. Wer gegen diese Fälle nicht eingreifen will, plädiert in Wahrheit für eine offene Immigration, versucht Werte wie Heimat und kulturelle Identität, die dem Großteil der Österreicher nach allen Umfragen sehr wichtig sind, durch die Hintertür auszuhebeln.
Wie bei vielem kann es in der Zuwanderung weder um ein Ja oder Nein gehen, sondern nur um das richtige Maß. Österreich braucht - will es auch ins 22. Jahrhundert gehen - wieder mehr eigene Kinder, es muß diese gezielter für die moderne Leistungsgesellschaft erziehen. Es braucht aber auch Zuwanderer - und zwar die tüchtigsten und besten. Über all das sollten wir offen diskutieren. Statt dessen wird das Wort Ausländer total tabuisiert.

*** OTS-ORIGINALTEXT UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER

VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS ***

Rückfragen & Kontakt:

Chef v. Dienst
Tel.: (01) 514 14-445

Die Presse

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PPR/PPR