S.O.S. Gesundheit 2: Finanzierungschaos durch zu viele Töpfe

Topmedizin hat ihren Preis - Keine Einsparungen zulasten der Gesundheit

Wien (OTS) - Dr. Gabriele Kogelbauer, Vorsitzende der Kurie der angestellten Ärzte in Wien und Vorsitzende der Bundeskurie, betonte, daß das österreichische Gesundheitssystem im Moment hervorragend funktioniere und in der weltweiten Rangliste der WHO auf dem 9. Platz liege. Laut Kogelbauer sei das System auch nicht zu teuer, mache es doch nur 8,3 Prozent des Bruttonationalprodukts aus. ****

Probleme seien aber trotzdem vorhanden. Kogelbauer: "Unser Finanzierungschaos beruht auf den verschiedenen Töpfen." Für die Spitalsärztesprecherin gibt es bis heute keine wirkliche Kostenwahrheit: "Solange die ambulanten Leistungen der Spitäler mit einer Pauschale abgedeckt sind, wird kein Steuermechanismus der Welt, auch nicht die Selbstbehalte, etwas bewirken. Es kann nicht das Interesse der Sozialversicherung sein, Leistungen aus den Spitalsambulanzen in den niedergelassenen Bereich auszulagern, solange teuerste Spitzenmedizin wie beispielsweise die Dialyse, Endoskopie mit interventionellen therapeutischen Eingriffen und andere Behandlungen mit 300 Schilling abgegolten werden."

Die Zahlen, die immer wieder herumgeisterten, daß im Spital eine Behandlung 2500 Schilling koste und dieselbe Leistung beim niedergelassenen Arzt nur 500 Schilling, sei schlichtweg falsch, so Kogelbauer.

Moderne Medizin hat ihren Preis

MR Dr. Andrea Kubec, Sektionsvorsitzende der Ärzte für Allgemeinmedizin der Ärztekammer für Wien, beschreibt das Finanzierungsdebakel aus ihrer Sicht: "Unsere heutige, moderne Spitzenmedizin kostet mehr als die noch nicht so weit entwickelte Medizin vor vielen Jahren. Wenn ich in meiner Praxis nach dem State of the Art behandeln möchte, kostet das ein Vielfaches dessen, was es noch vor zehn Jahren gekostet hat." Diese höheren Kosten seien aber mit dem gleichgebliebenen Beitragsprozentsatz der gesetzlichen Krankenversicherung nicht abzudecken.

Betrachte man die demographische Entwicklung, so erlebten zum heutigen Zeitpunkt deutlich mehr Personen das 80. Lebensjahr als noch vor 20 Jahren. Das wirke sich auch auf die medizinische Betreuung aus. Kubec: "Am Beispiel Knieschmerz kann man erkennen, warum die heute durchgeführten Therapien teurer sind. Früher wurden beim Symptom Knieschmerzen ein einfaches Knieröntgen und in der Folge eine physikalische Therapie durchgeführt. Heute führt man eine Magnetresonanztomographie durch und wird anschließend eine physikalische Therapie oder auch eine Operation veranlassen."

Die Magnetresonanztomographie sei jetzt schon chefärztlich bewilligungspflichtig. "Vielleicht wird diese Therapieform entgegen dem State of the Art in naher Zukunft gar nicht mehr bewilligt", so Kubec.

Wichtige Leistungen nicht mehr finanzierbar

Dir. Dr. Johannes Steinhart, Kurienobmann der niedergelassenen Ärzte in Wien, bringt bereits existierende Rationierungsbeispiele aus seinem Tätigkeitsbereich. "Es werden nur mehr 80 Prozent der Kosten, die bei der Behandlung von Wahlärzten (Ärzte ohne Kassenvertrag, Anm.) entstehen, rückerstattet. Besonders betroffen sind Patienten, die Leistungen benötigen, die nicht im Kassentarif, beispielsweise die Psychotherapie, enthalten sind. Dies ist ausschließlich eine Sparmaßnahme sowie eine eklatante Benachteiligung der Wahlarztpatienten", so Steinhart.

Zudem seien ein Drittel der Wiener Ordinationen wirtschaftlich nicht attraktiv. Sollten diese aus ökonomischen Gründen zusperren müssen, würde dies die medizinische Nahversorgung in der Bundeshauptstadt extrem verschlechtern, betonte Steinhart.

Zu hohe Selbstbehalte in der Zahnmedizin

Ähnlich argumentiert auch der Obmann der Kurie der Zahnärzte der Ärztekammer für Wien, DDr. Hannes Westermayer: "Die Zahnheilkunde ist das Stiefkind der Sozialversicherung. So etwa ist selbst die Reparatur einer abnehmbaren Kunststoffprothese, eine notwendige und ausschließlich von sozial schwachen Menschen in Anspruch genommene Leistung, mit einem 25pozentigen Selbstbehalt belegt", erklärt Westermayer.

Eine etwas höherwertige Versorgung, wie etwa die abnehmbare Metallgerüstprothetik, sei ebenso wie die kieferorthopädische Behandlung mit 50 Prozent Selbstbehalt angesetzt. Selbst für die abnehmbare Totalprothese ("Bestimmt keine Luxusleistung, weil ohne Zähne kaum eine Nahrungsaufnahme möglich ist") halten die Kassen einen 50prozentigen Selbstbehalt für sozial gerechtfertigt, betont der Kurienobmann.

Der Zahnärztevertreter betont auch, daß diese Fehlentwicklungen schon unter früheren Regierungen ihren Beginn genommen haben. Westermayer: "Die Aufwendungen der Kassen für ihre Versicherten mit Zahnerkrankungen sind in den letzten 15 Jahren von 9 Prozent auf 7 Prozent gesunken. Bei diesen Zahlen sind die Aufwendungen für die eigenen Einrichtungen, die bekanntlich nicht kostensparend eingerichtet werden, schon inkludiert."

Westermayer betonte abschließend, daß eine weitere Leistungskürzung, "so weit sie rechnerisch bei 50- bis 100prozentigen Selbstbehalten überhaupt noch möglich ist", das Ende des bestehenden Sozialsystems in Österreich bedeuten würde. (bb/hpp)

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