DER STANDARD-Kommentar: "Die Auswärtsspieler: Robert Menasses

Drohung eines "Massenexodus" heimischer Künstler" (von Claus Philipp) - Erscheinungstag 23.2.2001

Wien (OTS) - Österreichische Künstler könnten es in Hinkunft dem einstigen "luxemburgischen" Skistar Marc Girardelli gleichtun und nicht mehr für Österreich antreten: Diese Vision, die der Dichter Robert Menasse derzeit als möglichen "Massenexodus" umreißt, wenn er eine im Ausland gegründete "Free Austria Kunst.gmbH" ankündigt - sie verweist auf zweierlei Konflikte, die ihrerseits nur bedingt miteinander zu tun haben.

Zum einen wäre da die schon unter vergangenen Regierungen nicht gerade fruchtbar geführte Debatte, inwiefern eine Künstlersozialversicherung Sinn macht. Dies wirft etwa die Frage auf, ob hierzulande Freiberufler wie heimische Unternehmer und damit im internationalen Vergleich schlecht behandelt werden. Der Gedanke, Frankreich, Holland oder Liechtenstein könnten in Hinkunft heimische Kreative mit vorteilhaften Sonderregelungen "abwerben", wie ausländische Sportvereinigungen unsere Athleten - er eröffnet in der Tat gewöhnungsbedürftige, interessante Perspektiven.

Kunststaatssekretär Franz Morak war jedenfalls bis dato bei der Schaffung der Pflichtversicherung nur in Agenden ökonomisch schlechter gestellter Künstler "erfolgreich". Es fiele ihm kein Zacken aus der Krone, würde er auf das, was Menasse und Gerhard Ruiss (IG Autorinnen Autoren) einen "ersten Schritt" nannten, weitere folgen lassen. Und das erst recht, wenn er doch jedem, der es hören will, sagt, dass die Künstler darauf achten sollten, dass ihre Kunst sich auch "rechnet": In diesem Sinne hätte er mit Robert Menasse wohl auch ein exzellentes Gegenüber.

Leider streift nun die Exodus-Drohung aber einen wesentlich heikleren Bereich - das notorisch schlechte Verhältnis der Schwarz-Blau-Koalition zu den Künstlern und Intellektuellen. Ein "Massenexodus", wie man ihn ja möglicherweise auch unter Rot-Schwarz androhen hätte müssen, besitzt hier einen anderen Beigeschmack. "Beigeschmack?" Die Drohung "Wir lassen uns von der vermeintlichen "Kulturnation" Österreich nicht länger vereinnahmen" übertönt eigentlich jede Pro-und-Kontra-Sozialversicherung-Diskussion. Wenn Menasse von den Sportlern und den Erfindern spricht, die gegenüber den Künstlern steuerlich bevorzugt sind - dann ruft er damit auch Momente in Erinnerung, die klar machen, wo die gegenwärtige Regierung ihre Prioritäten setzt. Schüssel und Co, wie sie in St. Anton bei WM-Übertragungen praktisch in Permanenz Patriotismus demonstrierten:
Sie sind in Sachen Kultur eher säumig. Und die Effizienz und der Mut von wirtschaftlichen oder technologischen "Erfindern" gilt in diesen neoliberalen Zeiten nicht nur in Österreich weitaus mehr als weltanschauliche große Würfe - nicht zuletzt wenn Letztere die Kleinmütigkeit heimischer Machthaber hinterfragen.

Das lässt auf Dauer nur zwei Konsequenzen zu: Entweder die Künstler stellen sich der Tatsache, dass in den nächsten Jahren nationale Etikettierungen ohnehin zunehmend in den Hintergrund treten. Man muss dann keinen "Exodus" proklamieren, um Distanz zu Regierungen gleich welcher parteipolitischen Couleur zu wahren (was dem SP-Kritiker Menasse in den letzten Jahren auch immer gelang). Gleichzeitig werden die Politiker von jener Haltung Abstand nehmen müssen, Künstler, Sportler und andere Staatsbürger, die Aufsehen erregen, bloß als mögliche oder unmögliche Aushängeschilder zu taxieren.

Die gegenwärtige Situation nämlich, vor deren Hintergrund der historisch schwer belastete Begriff "Exodus" (ähnlich wie "Widerstand") vielleicht ein wenig gar dramatisch klingt - sie kündigt symptomatisch ein Grundproblem an: Das pragmatische Effizienzdenken der Regierenden verträgt sich nicht mehr mit der umständlichen, weil komplexeren Wahrnehmung sensiblerer Menschen. Die Missverständnisse und Fehlleistungen die aus dieser Nichtkommunikation entstehen, könnten dieses Land in einen geistigen Ruin von anhaltender Tragweite stürzen.

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