DER STANDARD-Kommentar: "Wir mutigen Journalisten: "Fall Joseph", Taxi Orange, Magazinfusion: Zivilcourage als mediale Herausforderung (von Josef Kirchengast) - Erscheinungstag 21.02.2001

Wien (OTS) - Geschichtlich gesehen leben wir Bürger der westlichen Zivilisation in der freiesten aller Welten. Noch nie hatte die/der Einzelne so viele Möglichkeiten, sich zu entfalten und über vermeintliche oder tatsächliche gesellschaftliche Zwänge hinwegzusetzen. Jede/r ist eine Ausnahme, jede/r ist etwas Besonderes.

Aber Freiheit ist anstrengend und kann einsam machen. Daher schwimmt man auch ganz gern mit dem Strom, der heute Mainstream heißt. Beispiel: Medien und politische Korrektheit.

In diese politische Korrektheit passte es, als die Mutter eines 1997 im ostdeutschen Sebnitz ertrunkenen sechsjährigen Buben behauptete, das Kind sei von Neonazis ertränkt worden. Die Behauptung schien angesichts sich häufender Gewalttaten von Rechtsextremen so glaubhaft, dass sie von den meisten Medien ungeprüft übernommen wurde. Bis sie sich schließlich als haltlos erwies.

Jetzt spricht der Deutsche Presserat von einem "Tiefpunkt der Medienberichterstattung" und rügt fünf Zeitungen. Damit seien aber die übrigen Medien nicht entlastet. Insgesamt sei in der Berichterstattung über den "Fall Joseph" ein "Mainstreameffekt" zu beobachten gewesen, der noch genauer zu untersuchen sein werde.

Vorläufige Diagnose: Man hat - mit wenigen Ausnahmen - die Anschuldigungen bereitwillig und ungeprüft übernommen, weil man ohnedies die "richtige" Gesinnung hat. Das taten auch Medien hierzulande, diese Zeitung eingeschlossen.

Im Hauptstrom seiner eigenen Leserschaft wähnte sich wohl auch jener Standard-Redakteur, der dieser Tage zu einem Demonstrationsfoto den Text dichtete: "Solange Österreichs Widerständler nur lammfromm und müde herumstehen, wird diese Regierung ganz sicher nicht gehen."

In den genannten Fällen wurden journalistische Sorgfaltspflicht und/oder Anstandsregeln grob verletzt, weil sich die handelnden, diesfalls schreibenden Personen ganz offensichtlich im Besitz der "richtigen" Meinung wähnten. Womit sie, nebenbei bemerkt, ihrer Sache (so sie das ist) weit mehr geschadet als genützt haben.

Zum medialen Mainstream beginnt unterdessen auch die Meinung zu werden, Taxi Orange sei eben doch keine so schlechte Sache, weil der ORF damit das junge Publikum zurückgeholt habe. Die Frage, wodurch denn ein gebührenpflichtiges öffentlich-rechtliches Fernsehen noch zu rechtfertigen sei, wenn es welche Quote auch immer nur zur Verbreitung des gleichen Stumpfsinnes wie die Kommerzsender nutzt, wird schon nicht mehr gestellt.

Dass der mediale Mainstream künftig noch breiter fließt, dafür wird der Zusammenschluss der Magazine profil/trend mit der News- Gruppe ("Formil") beste Voraussetzungen liefern (falls er, wie zu befürchten, das Höchstgericht passiert). Die inhaltliche Angleichung der Produkte auf immer niedrigerem Niveau war ja schon bisher unübersehbar. Die Karikatur im jüngsten profil mit dem skandalösen Vergleich Holocaust/Rinderschlachten und Hitler/Fischler markiert den vorläufigen Tiefpunkt dieser Entwicklung. Und dass die federführenden Journalisten auf beiden Seiten so laut zu den Gefahren einer irreversiblen Marktbeherrschung schweigen, straft die Beteuerungen redaktioneller Unabhängigkeit Lügen, noch ehe die kommerzielle Fusion überhaupt vollzogen ist.

Die Erwartung, dass das mediale Zeitalter mit größerem Angebot auch mehr Vielfalt und Kreativität bringen würde, und dies unter Beibehaltung journalistischer Mindeststandards - diese Erwartung war offenbar weit überzogen. Eher droht das Gegenteil. Globalisierung und mediale Vernetzung machen den Konformitätsdruck nur noch größer, vor allem als Folge einer gnadenlosen Quotenjagd. Und während nur wenige Hundert Kilometer ostwärts kritische Journalisten um ihr Leben fürchten müssen, kann es bei uns schon Zivilcourage sein, handwerklich wie ethisch das journalistische Einmaleins zu beherrschen.

*** OTS-ORIGINALTEXT UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER

VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS ***

Rückfragen & Kontakt:

Tel.: (01) 531 70/428

Der Standard

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PST/OTS