DER STANDARD-Kommentar: "Brennende Probleme: Die Ethikdebatte, die Franz Fischler beenden wollte, muss jetzt erst richtig beginnen" (von Michael Fleischhacker) - Erscheinungstag 20.2.2001

Wien (OTS) - Österreich verfügte bisher über ein verlässliches Messinstrument zur Feststellung der inhaltlichen Substanz von Ethikdebatten: die nach unten offene Deix-Skala. Der Cartoon, den Manfred Deix in der aktuellen Ausgabe des Nachrichtenmagazins profil veröffentlichte, scheint die dortige Außenstelle des Eich- und Messamtes für politische Moral zum Umdenken bewogen zu haben. Deix zeigte Adolf Hitler und EU-Agrarkommissar Franz Fischler, wie sie in einem See aus Blut und Rinderkadavern waten, während Hitler Fischler im Wolf-Martin-Stil lobt: "Sie und ich und unsresgleichen scheuen weder Blut noch Leichen."

profil-Herausgeber Christian Rainer sah damit die Untergrenze der Deix-Skala erreicht und schrieb an Franz Fischler, dass dieser Cartoon "einfach über das tolerierbare Maß hinaus geschmacklos" sei. Im Kern hatte Manfred Deix freilich einen wunden Punkt getroffen. Denn die Ethikdebatte anlässlich der massenhaften Rindervernichtungen, die er mit seinem unsäglichen Cartoon weit draußen im diskursiven Niemandsland explodieren lässt, ist auch von ernsthafteren Geistern immer wieder mit der industrialisierten Massenvernichtung des nationalsozialistischen Regimes in Zusammenhang gebracht worden. Martin Heidegger etwa hatte nach dem Krieg sinngemäß gesagt, dass die motorisierte Nahrungsmittelproduktion und die Vernichtungsmaschinerie der Nazis "im Grunde" dasselbe seien: nämlich eine Folge jenes Entfremdungs- und Entmenschlichungsprozesses, den Heidegger mit dem Begriff "Gestell" meinte.

Aber auch zeitgenössische Autoren wie J. M. Coetzee oder Hans Wollschläger ließen in den 90ern durchblicken, dass es zwischen Schlachthöfen und Vernichtungslagern Parallelen gibt. Zugespitzt wurde dieser Gedanke dadurch, dass in der aktuellen BSE-Krise die massenhafte Schlachtung von Rindern nicht zur Fleischproduktion, sondern zur Stabilisierung der Marktpreise auf dem Plan stand.

Franz Fischlers Forderung, man solle doch diese unselige Ethikdebatte beenden, musste da jedem denkenden Gemüt einfach ungeheuerlich erscheinen. Zu offensichtlich waren die inneren Widersprüche seiner Argumentation: Die wirklichen Marktgläubigen mussten sehen, dass hier eine mittels Milliardensubvention hergestellte Überproduktion unter Zuführung weiterer Milliardensubventionen vernichtet wurde, was mit Marktwirtschaft nur sehr begrenzt etwas zu tun haben kann. Und die Gegner einer ungezügelten Marktwirtschaft wollten nicht einsehen, dass hier ein millionenfaches "Brandopfer" für den neuen "Götzen Markt" erbracht werden sollte.

Immer dann, wenn sich die monströsen Nebenwirkungen einer Entwicklung zeigen, die alle wollten - schließlich wurde es als soziale Errungenschaft gesehen, dass sich auch jeder Arbeiter das tägliche Schnitzel leisten kann -, schlägt auch die Stunde der Fundamentalisten: Die Interpretation von BSE als "Strafe der Natur" für eine unnatürliche Lebensmittelproduktion unterscheidet sich eben auch nur unwesentlich von der Ansicht christlicher Fundamentalisten, die Aids als Strafe Gottes für die Unzucht unter den Menschen sehen.

Die Ethikdebatte, die Franz Fischler beenden wollte, muss also jetzt erst beginnen: Er selbst gilt ja - sehr zum Leidwesen etwa der Großproduzenten in den neuen deutschen Bundesländern - als Vertreter einer Rücknahme der industrialisierten Landwirtschaft. Ein erster Fortschritt besteht darin, dass sich langsam die Erkenntnis durchsetzt, dass auch ethische Fragen nicht mit großen Würfen beantwortet werden können. Die erste Nagelprobe, ob wir wenigstens zu kleinen Schritten in der Lage sind, stellt sich beim Umgang mit den nun zu schlachtenden Rindern: Wer es ernst meint, muss bereit sein, das nötige Geld für eine sinnvolle Nutzung des "überflüssigen" Rindfleisches aufzubringen. Zum Beispiel in einer Spendenaktion für die Herstellung von Fleischkonserven für den Katastropheneinsatz.

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