"Kleine Zeitung" Kommentar: "Rinder- und anderer Wahn" (von Erwin Zankel)

Ausgabe vom 18.2.2001

Graz (OTS) - Bauern, die jeden Tag ihre Rinder füttern und nicht wissen, ob sie noch einen Metzger finden, der ihnen das Vieh abkauft. Verbraucher, die nicht wissen, ob sie noch Fleisch essen sollen. Politiker, die nicht wissen, wie sie die Katastrophe bewältigen, die über Europa hereingebrochen ist. Keine Dürre, keine Überschwemmung, auch kein Krieg, aber eine Verwirrung und Verwüstung des Lebens.

BSE. Drei schaurige Buchstaben. Man denkt an die griechische Mythologie, wonach Zeus als Stier Europa verführt und entführt hat. Man vergleicht mit der Bibel, nennt den Schandlohn für das Schlachten der Kälber eine Herodes-Prämie und fühlt sich in die Sintflut zurückversetzt, weil nur ein Paar in der Arche Noah Platz hat, alle übrigen aber vernichtet werden nicht im Wasser, aber dafür im Feuer.

Herumreden und verniedlichen hilft nicht mehr. Der Rinderwahnsinn, der gottlob erst wenige Menschenleben gefordert hat, ist eine Zäsur. Die Landwirtschaft steht vor einem Wendepunkt. Und auch bei der Ernährung greift der Wandel. Die Annahme, es handle sich nur um einen vorübergehenden Schock, ist ein Irrtum. Zwar werden sich die Pendelausschläge beruhigen, doch wird es nie mehr so werden wie zuvor.

Noch zur Mitte des vergangenen Jahrhunderts lebte die Hälfte der Bevölkerung in der Landwirtschaft. Der Anteil ist innerhalb weniger Jahrzehnte von fünfzig auf fünf Prozent geschrumpft. Dennoch erzeugen immer weniger Bauern immer mehr Getreide, Fleisch und Milch. Nach der Mechanisierung kam die Industrialisierung der Landwirtschaft. Sie ist nicht mehr an das Land gebunden. Der Stall im Hochhaus ist keine Utopie, sondern bereits Realität. Die Ursachen sind noch nicht genau erforscht, doch ist gewiss, dass der Fluch des Rinderwahnsinns eine Frucht der Agroindustrie ist.

Die Umkehr zu Öko und Bio lässt sich leicht in Reden beschwören, aber ist nur schwer in Taten umzusetzen. Was bedeutet es, wenn der Verbrauch an Rindfleisch dauerhaft um zehn bis zwanzig Prozent sinkt, was angesichts des jetzigen Markteinbruchs ohnehin eine optimistische Prognose ist? Kann der Absatzrückgang jemals durch eine Preiserhöhung wettgemacht werden? Oder ist ein Bauernsterben unvermeidlich, wobei es die kleinen Höfe eher treffen wird als die großen Güter?

Gegenüber diesen langfristigen Trends scheint das aktuelle Problem, was mit den überzähligen Rindern geschehen soll, vergleichsweise gering. Österreich weigert sich, an dem von Brüssel geforderten und gestützten Vernichtungsprogramm teilzunehmen. Ethik soll
allerdings nicht zur Schizophrenie werden: Wer sich zum Alleingang entschließt, muss wissen, dass er die Folgen allein zu tragen hat. Die EU sperrt die Kassen zu und macht die Märkte dicht. Die Re-Nationalisierung der Agrarpolitik wird sich zum Sprengsatz für die Integration entwickeln.

Europa ist eine Schicksalsgemeinschaft. Obwohl es bei uns noch keinen BSE-Fall gegeben hat, sind wir ebenso betroffen. Die Krise, die eine kulturelle, ökonomische und auch eine politische ist, kann nur gemeinsam bewältigt werden. ****

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