"Die Presse"-Kommentar: "Schröders Wahlhelfer" (von Andreas Schwarz)

Ausgabe vom 14.2.2001

WIEN (OTS). Der deutsche Bundeskanzler Gerhard Schröder ist einer, dem es an saloppem Selbstbewußtsein nicht mangelt. Dennoch hätte er - unter normalen Umständen - gut eineinhalb Jahre vor den nächsten Wahlen Grund zur Nervosität: Die Bilanz seiner Regierung, die alles anders machen wollte, ist mehr als gemischt, seine Personalpolitik zeugt von einer wenig glücklichen Hand, und die leichthin weggeredete Affäre um die Sponti-Vergangenheit einiger Regierungsmitglieder hätte jedes andere Kabinett der Welt ins Schlingern gebracht.
Aber die Umstände sind nicht normal. Denn wo sonst hat eine Regierung ihren besten Verbündeten für eine Wiederwahl in der Opposition?
Was die CDU der Angela Merkel derzeit an oppositionellem Dilettantismus produziert, sucht in der Tat seinesgleichen. Die Parteivorsitzende, die einst antrat, die Christdemokraten der Nach-Kohl-Ära entschlossen aus dem Parteispenden-Sumpf zu ziehen, galt nie als programmatische Gallionsfigur. Aber wenigstens neuen Mut und Geschlossenheit vermochte sie der Partei einzuimpfen.
Damit ist es jetzt vorbei. Der dissonante Paarlauf Merkels und ihres Fraktionschefs Merz endete im unverhohlenen Interesse des jungen Aufsteigers an einer eigenen Kanzlerkandidatur. Im Hintergrund scharrt der aus der Parteispendenaffäre alles andere als unbeschadet ausgestiegene hessische Ministerpräsident Roland Koch, einige wünschen sich Wolfgang Schäuble zurück, und in der CSU hält sich Bayerns Edmund Stoiber ohnedies für den besseren Kanzler in spe. Diese Personalquerelen - plus neue Affären wie in Berlin - halten davon ab, Schwächen des politischen Gegners zu nützen. Und die Beruhigung, auch die SPD habe vor den letzten Wahlen lange um die Kanzlerkandidatur gerungen, ist keine: Dort wirkte die Spannung Scharping-Lafontaine-Schröder mit fast sicherem idealem Ausgang -Gerhard Schröder - geradezu wie inszeniert.
In der CDU dagegen ist sie passiert, lau überdies: Denn der ideale Kandidat, der Schröder gefährden könnte, ist weit und breit nicht in Sicht. Was die Nerven sichtlich blank liegen läßt - die Nerven des Bundeskanzlers aber gehörig beruhigt.

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