E-Wirtschaft: "Kalifornien mit Österreich kaum vergleichbar !"

Elektrizitätswirtschaft nimmt zum Stromproblem in Kalifornien Stellung: Amerikanische Markt- und Versorgungsverhältnisse sind mit Österreich kaum vergleichbar - Strom-Voll-Liberalisierung in Österreich am 1. Oktober 2001 wird sorgsam vorbereitet - präzise Spielregeln beugen Krisen in der Stromversorgung vor - Wesentlich ist die weitere Bedachtnahme für eine hohe Versorgungssicherheit -- Dokumentation: Was unterscheidet Kalifornien von Österreich?

Wien (OTS) - "Der Kalifornien-Effekt der Strommarktöffnung kann nicht 1:1 auf Österreich übertragen werden", betont der Präsident des Verbandes der Elektrizitätsunternehmen Österreichs (VEÖ), GD. Dkfm Max Stockinger.

In der jüngsten Vergangenheit häufen sich Meldungen über mehrfache Blackouts, überforderte Stromversorger und ungenügende Marktregeln in Kalifornien. Diese Krisenzeichen werden oft mit der Strommarktöffnung in diesem US-Bundesstaat in direkten Zusammenhang gebracht. Die Schlußfolgerung, daß die volle Öffnung des Marktes in Österreich am 1. Oktober 2001 ebenfalls zu Versorgungsproblemen bei Strom führen könnte, erscheint der österreichischen Elektrizitätswirtschaft auf Basis der derzeitigen Situation der Stromerzeugung und -versorgung in Österreich überzogen. Wesentlich für eine erfolgreiche Voll-Liberalisierung sind

- geeignete gesetzliche Rahmenbedingungen, bei denen die Marktmechanismen nicht behindert werden;

- Regeln, mit denen die rechtlichen und technischen Voraussetzungen, die ein freier Strommarkt erfordert, festgelegt sind;

- eine sorgsame Überwachung und Anwendung der Marktregeln durch die Regulierungsbehörden.

Der österreichische Energie- und Strommarkt unterscheidet sich in vielen Belangen wesentlich vom kalifornischen. Während Mitte der neunziger Jahre die kalifornische Liberalisierung als Vorzeigefall einer besonders geglückten Marktöffnung für Energie mit enormen Vorteilen für die Letztverbraucher gefeiert worden ist, zeigt sich nun im bevölkerungsreichsten und wohlhabendsten US-Staat die ganze Schwäche einer schlecht vorbereiteten Teil-Liberalisierung, die sowohl die Millionenstadt San Francisco als auch das gefeierte Hochtechnologie-Zentrum Silicon Valley empfindlich trifft.

Was sind die gravierenden Unterschiede ?
- Einer in Kalifornien durch regulatorische Vorgaben bedingten starren Begrenzung des Letztverbraucherpreises, die die Wettbewerbsfähigkeit der dortigen Stromunternehmen ernsthaft gefährdet, stehen in Österreich rechtliche Preisverfahren gegenüber, die jederzeit eingeleitet werden können.

- Die Abstützung der Aufbringung elektrischer Energie in Österreich zu rund drei Vierteln auf erneuerbare heimische Wasserkraft wirkt sich bremsend auf die Stromerzeugungskosten aus.

- In Österreich ist ein vergleichsweise hoher Standard der Stromerzeugungs-, -übertragungs- und -verteilungsanlagen gegeben.

Damit die österreichischen Stromkunden auch weiterhin die gewohnte Versorgungsqualität erwarten können, wird derzeit im Verband der Elektrizitätsunternehmen (VEÖ) intensiv an der Fertigstellung der erforderlichen technischen und rechtlichen Grundlagen für die Marktregeln gearbeitet, deren Ergebnisse den Regulierungsbehörden zur Verfügung gestellt werden.

Es wird in der weiteren Folge in der Verantwortung der Regulierungsbehörde liegen, mit geeigneten Rahmenbedingungen dafür zu sorgen, daß auch längerfristig die hohe Versorgungsqualität erhalten bzw. Krisensituationen in der Stromversorgung vermieden werden können.

Die österreichischen Elektrizitätsunternehmen sind, wie Präsident Stockinger betont, jedenfalls bereit, mit den für die Schaffung und Überwachung der Rahmenbedingungen für den liberalisierten Strommarkt zuständigen Behörden - Wirtschaftsministerium, Elektrizitäts-Control-GmbH. - eingehend zusammenzuarbeiten, um zu einem Gelingen der Strommarkt-Liberalisierung für die österreichischen Konsumenten und für die Wirtschaft beizutragen.

Dokumentation: Wieso ist Kalifornien anders als Österreich?
Die gravierendsten Unterschiede zwischen dem kalifornischen und dem österreichischen Strommarkt sind:

- Die Marktöffnung in Kalifornien gilt nur für den Stromgroßhandel, nicht für den Einzelhandel; damit kam bisher der freie Markt kaum zur Wirkung. In Österreich wird die hundertprozentige Marktöffnung sämtliche Unternehmen des Stromsektors dem freien Wettbewerb aussetzen und allen Stromverbrauchern die freie Wahl des Versorgers geben.

- In Österreich soll sich aufgrund der Marktfreigabe der jeweilige Stromtarif nicht mehr nach amtlichen Vorgaben, sondern nach Angebot und Nachfrage orientieren. Der kalifornische Stromtarif für Letztverbraucher wurde mit rund 6 US-Cent pro Kilowattstunde nach oben hin begrenzt (sogenanntes "cap"), während die tatsächlichen Strombezugskosten saisonal und witterungsbedingt zeitweise auf 20 US-Cent und mehr gestiegen sind, d. h. um mehr als das 3-fache. In Österreich können die Netznutzungspreise und sonstigen Tarife über ein Verfahren festgesetzt werden, das auf Antrag oder von Amts wegen eingeleitet werden kann. Im Zuge dieses Verfahrens findet eine eingehende Untersuchung der Komponenten statt, aus denen der Preis gebildet wird: Wenn der Regulator seine Verantwortung wahrnimmt, ist es schwer vorstellbar, daß drohende Versorgungsengpässe bei den für die Preisfestsetzung maßgeblichen Beurteilungskriterien nicht ausreichend berücksichtigt werden.

- Der deutliche Unterschied zwischen Erzeugungskosten und Verkaufserlösen bei den kalifornischen Stromunternehmen hat zu einem dramatischen Substanzverzehr geführt. Viele Elektrizitätsgesellschaften Kaliforniens sind hoch verschuldet; ihnen fehlt nun das nötige Geld, um ihre Versorgungsnetze zu verbessern und neue Kraftwerke zu errichten. Im letzten Jahrzehnt wurde in Kalifornien kein einziges Kraftwerk mehr gebaut, nicht zuletzt aufgrund rigoroser Umweltgesetze.

- Die seit kurzem in forcierter Errichtung befindlichen Kraftwerke in Kalifornien werden erst in zwei bis drei Jahren ans Netz gehen und damit die enorme Abhängigkeit von Stromimporten aus weit entfernten Staaten beenden können. Anders als in Kalifornien, das von wüstenartigen Regionen umgeben ist, liegt Österreich mitten in Europa mit seinem dichten Stromerzeugungs- und -leitungsnetz, was eine Stromversorgungskrise sehr unwahrscheinlich werden läßt.

- Der technische Standard und der Aufbau des Stromnetzes sind in Kalifornien anders als in Österreich. Während im dicht besiedelten Österreich für eine überwiegende Mehrheit von Stromkunden die risikoarme Ringversorgung vorherrscht, ist im weniger dicht besiedelten Kalifornien die weit anfälligere Sternversorgung üblich.

- Trotz dieser riskanten Netzsituation hat sich der US-Staat Kalifornien - im Gegensatz zu vielen anderen US-Staaten -- für eine rasche und radikale Marktöffnung mit enormem Kostendruck auf die Erzeuger entschieden. Die Folge waren Kraftwerksschließungen und ausbleibende Investitionen in die Modernisierung und Ertüchtigung des Netzes. In Österreich gilt die Sorge der Elektrizitätsversorgungsunternehmen auch in Zeiten der Marktöffnung der Erhaltung der hohen Netzqualität. In den amtlichen Netznutzungstarifen sind für entsprechende Investitionen entsprechende Vorsorgen vorzusehen. Das österreichische ElWOG erlegt den Netzbetreibern die gemeinschaftliche Verpflichtung zur Errichtung und Erhaltung einer für die inländische Elektrizitätserzeugung ausreichenden Netzinfrastruktur auf.

- Die Voraussagen für den Stromverbrauch in Kalifornien rechneten nicht mit der rasch steigenden Nutzung von Computern und Klimaanlagen. Dieser Fehler verursachte bei Strom ein störendes Ungleichgewicht von Erzeugung und Nachfrage. Dieses wurde durch eine längere unerwartete Hitzewelle im Sommer 2000 vergrößert, weil die Stromerzeugung aus Wasserkraft in Kalifornien einbrach, während der Stromverbrauch durch den Dauereinsatz von Millionen Klimageräten steil anstieg. In Österreich erreicht die Wasserkraft gerade im Sommer ihr Leistungsmaximum.

- Die Einsatzbrennstoffe für US-amerikanische Kraftwerke, insbesondere Erdgas und Erdöl, verteuern sich angesichts der sinkenden Inlandsförderung (die US-Gas- und -Ölfelder sind im Durchschnitt mehr als 40 Jahre alt) und der steigenden Auslandsabhängigkeit. Der Stromerzeugungspreis wird in den USA und damit auch in Kalifornien weiter steigende Tendenz zeigen. In Österreich werden mehr als drei Viertel des Stroms aus sauberer, erneuerbarer, heimischer Wasserkraft erzeugt; die Teuerung fossiler Brennstoffe wirkt sich in unserem Land daher nur gebremst auf den Strompreis aus.

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