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"Presse"-Kommentar: Ein ganz normaler Ski-Gast? (von Andreas Unterberger)

Ausgabe vom 12. Februar 2001

Wien (OTS). Es war ein tolles Fest, es war ein sympathischer Besuch. Gewiß
Grund für die österreichische Seele, mit dem Wochenende besonders zufrieden zu sein. Wer etwa die Ski-WM im deutschen Fernsehen verfolgt hat, wurde sich erst voll bewußt, welch superbe Österreich-Werbung Sankt Anton bedeutet hat. Die Begeisterung der Massen, eine perfekte Organisation - selbst die Föhn- und Schneeprobleme waren zuletzt vergessen - und die Erfolge der heimischen Fahrer mixten einen idealen PR-Drink. Daß sich dazu auch noch der russische Präsident mit einem intensiven Besuch gesellte, machte das Glück perfekt. Wladimir Putin ist gewiß kein Showmann, sein unprätentiöses Auftreten beeindruckt aber rasch.
All das war so schön, daß man kaum wagt, die kleinen Fragezeichen zu erwähnen, die einem am Rande in den Sinn kommen. Was hat etwa den Nationalratspräsidenten geritten, daß er bei den Gesprächen mit den Gästen aus Moskau von sich aus die Neutralität zum Thema gemacht und versichert hat, daß ohnedies keine Änderung geplant sei? Sind wir noch immer nicht so weit, daß das einzig Angelegenheit Österreichs ist, über die man nicht vor fremden Potentaten zu referieren hat? Warum führt Thomas Klestil seinen Gast ins gemeinsame Haus seiner beiden Lieblingsmedien ORF und Krone? Was ist das nur für eine Einstellung, daß Staats- und Regierungschefs aus der Slowakei, Lettland und Slowenien neben dem Gast aus Rußland nicht zur Kenntnis genommen werden? Sollte nicht gerade für Österreich die Gleichbehandlung von Großen und Kleinen absolutes Grundprinzip sein? Noch viel weniger fragt man sich hierzulande, warum ist Putin eigentlich gekommen? An Einladungen mangelt es ihm ja nicht. Waren ein paar Stunden Skifahren am Arlberg, alte Österreich-Sympathien aus früheren KGB-Urlaubszeiten wirklich das entscheidende Motiv? Oder war die so begeistert aufgenommene Visite in Wahrheit Teil einer Charme-Offensive, die das Zusammenwachsen der westlichen Sicherheits-Strukturen behindern soll?
Natürlich kann man auch aufs Fragen verzichten und sich mit der Überzeugung begnügen: Wir sind die Besten und alle haben uns lieb.

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