WirtschaftsBlatt - Kommentar: "Runder Tisch und Kruspelspitz" von Engelbert Washietl

Ausgabe vom 6.2.2001

Wien (OTS) - Wenn am Konzept des Kapitalismus irgend etwas funktioniert, dann ist es seine Anpassungfähigkeit an Markterfordernisse. Versagen die Ordnungskräfte, dann geht die Flexibilität bis zur ruinösen Selbstschädigung. Die Folgen zeigen sich soeben im gesamten Bereich der Landwirtschaft, Lebensmittelproduktion und im Lebensmittelhandel: Alle drei Sparten haben in blindwütiger Unterwerfung unter angebliche Markterfordernisse so lange Qualität vernichtet, bis den Konsumenten der Brechreiz kam. Die Kunden sind weg, die Krise ist da. Aber die kapitalistische Anpassungsfähigkeit funktioniert in der Krise noch besser. Es gibt ja in Europa auch Energiesparmassnahmen ernsthafterer Art erst seit den beiden grossen Erdölschocks. Der hohe Anteil geniessbarer österreichischer Qualitätsweine ist nach dem Glykolskandal erreicht worden, nicht etwa vorher. BSE-Krise und Schweinemastskandale sind wegen ihrer Dimension gesamteuropäischen Zuschnitts nicht im mindestens mit der Weinpantscherei zu vergleichen, den Marktgesetzen zu Folge gibt es aber auch heute keinen anderen Ausweg als eine totale Bewusstseinsänderung aller Beteiligten. Ist sie möglich? Die grossen Einzelhandelsketten, deren Preisdiktat an dem Desaster mindestens ebenso schuldig geworden ist wie das Komplott von Tierverwertern, Antibiotika-Schwarzhändlern und Turbozüchtern, bleiben auf ihren unverdaulichen Waren sitzen und kriegen keine bessern, weil die Qualitätsschiene der Nahrungsmittelproduktion Jahrzehnte hindurch vernachlässigt blieb wie eine Nebenbahn im Waldviertel. Der aktuelle Leidensdruck erzwingt einschneidende Massnahmen. Die österreichische Landwirtschaft, die in der Vergangenheit so gut wie kein einziges Markenprodukt zur Europa-oder gar Weltreife gebracht hat, hätte auf dem Biotrip die geradezu irre (pardon) Chance, einen langfristigen Marketingerfolg zu buchen. Die Bauern schaffen das nicht allein, könnten es gar nicht. Minister, Agrarvertreter, Einzelhandels-Tycoons und vielleicht noch der zuständige EU-Kommissar müssten am runden Tisch, bei Kruspelspitz und Hüferscherzl, eine geniale und obendrein EU-konforme Aktion starten. Das würde zwar nicht die BSE-Krise bannen, aber zum Krisenmanagement gehören, das uns nicht erspart bleibt. Eines Managements übrigens, mit dem sich gut verdienen lässt.(Schluss) wash.

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