Hochqualitative Lebensmittel sollen ihren Preis haben

Bäuerliche Interessenvertretung will Steuersatz von Lebensmitteln auf 11 % anheben

Wien, 5. Februar 2001 (AIZ). - Qualität hat ihren Preis. Standards haben ihren Wert. Die Lebensmittelsicherheit kostet Geld. Die hohen Produktionsanforderungen in der heimischen Landwirtschaft müssen vom Konsumenten honoriert werden. Diese dringliche Botschaft richtete am Montag die bäuerliche Interessenvertretung an die Medien, die politischen Entscheidungsträger, den Handel und die Konsumenten. "Drei Wochen vor dem Auslaufen des Finanzierungsübereinkommens von Bund und Ländern wollen die Bauern wissen, wie es weitergeht", sagte der Vorsitzende der Präsidentenkonferenz der Landwirtschaftskammern Österreichs, Rudolf Schwarzböck, heute vor Journalisten in Wien. Die verpflichtenden BSE-Schnelltests, das Verfütterungsverbot von Tiermehl und die Beseitigung von Risikomaterial führen zu Kosten von etwa ATS 1,5 Mrd. Bis 1. März haben sich Bund und Länder geeinigt, die Kosten zu tragen. Was dann passiert, ist noch unklar. Dazu kommt der Markteinbruch bei Rindfleisch. Der Absatz liegt darnieder und die Bauern müssen Preiseinbußen von bis zu 35 % hinnehmen. So präsentierte die bäuerliche Interessenvertretung einen Finanzierungsvorschlag, wonach der Mehrwertsteuersatz auf Lebensmittel von derzeit 10 % um 1 % auf 11 % erhöht werden soll. Davon erwarten sich die Interessenvertreter eine Zusatzeinnahme von rund ATS 3 Mrd. Hier könnte die Gesellschaft zeigen, dass sie bereit sei, "für mehr Qualität mehr Geld" auszugeben, sagte Schwarzböck. "Die Karten müssen auf den Tisch gelegt werden", appellierte Schwarzböck und wies auf die ernste Einkommenssituation der Landwirtschaft auf Grund von BSE-Krise und Schweinemastskandal hin. ****

Die Bauern und ihre Interessenvertretung sind bereit, mit besseren Herkunftsprogrammen, umfassenden Kontrollen der Produktionsstandards und weiteren Qualitätsprogrammen in das Vertrauen der Konsumenten zu investieren. Denn dieses sei "das höchste Kapital für uns Bauern", betonte Schwarzböck. Doch brauchen die Bauern dafür die Mithilfe des Marktes und des Konsumenten. Die öffentliche Argumentation über Lebensmittelsicherheit wirkt auf Schwarzböck "scheinheilig". Zum einen wird höchste Qualität vorgegeben und verlangt, zum anderen werden hochqualitative Lebensmittel als Lockmittel zu Billigstpreisen verkauft und gekauft.

Lebensmittel als Lockmittel

Er kritisierte heftig die Strategie des Lebensmitteleinzelhandels. Denn um die Gunst der Kunden zu erlangen, werden vor allem Nahrungsmittel zu Spottpreisen angeboten und beinahe verschenkt. Schwarzböck veranschaulichte, wie schwer die Kosten für die Auflagen von Schweinefleisch mit AMA-Gütesiegel (welches Antibiotika-Freiheit garantiert, Rückstandsprobenuntersuchungen vorsieht und einen verpflichtenden Tiergesundheitsdienst beinhaltet) "am Markt zu überwälzen" sind. "Der Preiszuschlag beträgt nicht mehr als 2,5 % und nicht einmal ein Marktanteil von 30 % wurde mit diesem Qualitätsprodukt erreicht", sagte Schwarzböck. Auch der Biopreiszuschlag liegt weit hinter den Erwartungen. Der Vorsitzende informierte, dass selbst die Bioverbände und -produzenten keine nennenswerten Preiszuschläge erhalten, weil dies über den Markt nicht abgegolten werde. "Was der Markt nicht entsprechend honoriert, kann nicht durch politische Förderungen abgedeckt werden", schilderte Schwarzböck das Dilemma. Die bäuerliche Interessenvertretung hofft auf "neue Partnerschaften" und auf "ein Umdenken beim Konsumenten".

EU-weite einheitliche Zulassungsbestimmungen und Betriebsmittelpreise

Schwarzböck tritt für ein EU-weites einheitliches Tiermehlverfütterungsverbot ein. Auch fordert der Bauernvertreter strengere Futtermittelkontrollen und eine Positivliste. Ein europäischer Eiweißplan werde von der Interessenvertretung genauso gewünscht wie eine effiziente BSE-Forschung. Vor allem bei lebenden Tieren sollten BSE-Tests bald zur Anwendung kommen. Gleichzeitig will sich die bäuerliche Interessenvertretung für eine einheitliche Zulassung von Tierarzneien im europäischen Binnenmarkt stark machen. Neuerlich prangerte Schwarzböck den Umstand an, dass in Österreich Betriebsmittel bis zu 30 % teurer sind als in den übrigen EU-Mitgliedsländern. Auch hier soll eine Vereinheitlichung erfolgen.

Rindfleisch wieder auf den Speiseplan

Was die Ankaufsaktion für Rindfleisch betrifft, will Schwarzböck die Marktentlastung in erster Linie über Marktmaßnahmen fortführen und nicht über Vernichtungsaktionen. Er schlägt vor, 100 kg schwere Kälber den 200 kg schweren aus der Intensivmast vorzuziehen. Diese sollten verstärkt am Markt abgesetzt werden. Die BSE-Freiheit Österreichs sollte es ermöglichen, dass bereits auf BSE-getestete Kühe wieder in die Wurstverarbeitung gelangen. Falls die Marktpreise und die Absatzmöglichkeiten weiter zurückgehen, dann könne auch Österreich die Ankaufsaktion zur Beseitigung von mehr als 30 Monate alten Rindern nicht ausschließen. Franz Eßl, Präsident der Kammer für Land- und Forstwirtschaft in Salzburg, appellierte an die Konsumenten, wieder zu Rindfleisch zu greifen. Denn damit könnte man einer Vernichtungsaktion aus dem Weg gehen. "Rindfleisch ist heute das bestkontrollierte Produkt, das am Markt ist", stellte Eßl klar. Er rügte die Negativ-Darstellung von "tobenden Kühen". Es sei an der Zeit, Bilder von Menschen zu zeigen, die ihre Rindfleisch-Mahlzeit genießen, so der Salzburger Kammerpräsident. Den Bauern sprach er Mut zu: "Lasst die Köpfe nicht hängen - wir werden einen Ausweg aus der Krise finden."

Liberalisierung des Handels contra Lebensmittelsicherheit

Auch der oberösterreichische Landwirtschaftskammerpräsident, Hans Kletzmayr, wies auf die große Verunsicherung in der Landwirtschaft hin. Vor allem unter dem Eindruck der laufenden Verhandlungen in der Welthandelsorganisation (WTO) befinde sich die Landwirtschaft in einer Zwickmühle. Auf der einen Seite wird der Ruf nach Lebensmittelsicherheit, Tierschutz, Umweltstandards, Qualität immer lauter, während auf der anderen Seite der Druck, den Handel zu liberalisieren steigt. "Hohe Produktionsstandards zu Weltmarktpreisen sind nicht möglich", stellte Kletzmayr klar. "Bitte helfen Sie uns, aus dieser Zange herauszukommen", verdeutlichte der Bauernvertreter die angespannte Lage.

Einheitliche EU-Zulassungsbestimmungen für Tierarzneien nötig

Gerhard Wlodkowski, Präsident der Landwirtschaftskammer für Land-und Forstwirtschaft Steiermark, wehrte sich gegen die Imageschädigung der ganzen Schweinezüchterbranche. Er betonte, dass die "schwarzen Schafe" unter den Züchtern zur Rechenschaft gezogen werden und die illegalen Aktionen bestraft würden, doch darf nicht "eine ganze Branche in einen Topf" geworfen werden. Falls kein Fortschritt in der Harmonisierung von Arzneimitteln auf EU-Ebene erreicht werde, so bleibe die Gefahr des neuerlichen Missbrauchs bestehen, glaubt Wlodkowski.

Tierische Erzeugung: Bedeutsam für Volkswirtschaft, Bestandszahlen rückläufig

Die tierische Erzeugung hat große Bedeutung für die österreichische Landwirtschaft. 1999 betrug die tierische Produktion rund ATS 30,5 Mrd., was rund 62,4 % der gesamten landwirtschaftlichen Erzeugung entspricht. Davon entfielen ATS 17,5 Mrd. auf die Fleischproduktion im Rinder-, Schweine- und Geflügelsektor. Laut amtlicher Viehzählung vom Dezember 1999 hat Österreich 101.528 Rinderhalter, 86.241 Schweinehalter sowie 90.588 Geflügelbetriebe. "Diese Zahlen zeigen, dass der Tierproduktion in Österreich eine tragende Rolle zukommt und wie eng die Fleischwirtschaft damit verflochten ist", führte Schwarzböck aus. Die Summe der Vorleistungen belief sich für die gesamte landwirtschaftliche Erzeugung auf ATS 26,9 Mrd.

Insgesamt ist die tierische Erzeugung rückläufig. Der Bestandsrückgang pendelte sich in den letzten Jahren auf unter 1 % pro Jahr ein. 2,152 Mio. Stück wies der österreichische Rinderbestand laut Viehzählung 1999 auf. Der Schweinebestand reduzierte sich nach mehreren schwierigen Jahren um 11 % auf 3,433 Mio. Stück.
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