DER STANDARD-Kommentar ar: "Arzneimittelspezialität Schwein: Konsequenz aus der Fleischkrise muss eine Reform des Agrarsystems sein" (von Andreas Feiertag) - Erscheinungstag 01.02.01

Wien (OTS) - Der Markt ist unerbittlich, die Agrarindustrie hat
sich darauf eingestellt. In nur sechs Monaten von Null auf Hundert Kilogramm. Zeit ist Geld, je früher die fette Sau abgestochen wird, um so geringer die Kosten für ihre Aufzucht, desto höher der Ertrag aus ihrer Verwertung. Diese Rechnung ist so simpel wie logisch. Die Bio-Landwirtschaft ist zeitaufwändiger und teurer, somit kaum eine Alternative. Zumindest, solange das Agrarsystem nicht reformiert wird.

Klar, dass die armen Schweine in der traditionellen Landwirtschaft ihr Schlachtgewicht in derart kurzer Zeit nur dann auf die Waage bringen, wenn sie vom Bauern mit entsprechenden Wachstumsförderern gedopt werden. Dass das vielleicht aufs Gemüt, ganz sicher aber auf die Gesundheit schlägt, weiß jeder Landwirt, der auf diese Weise mästet. Und wie die laufenden Ermittlungen im heimischen Fleischskandal zeigen, gibt es derer überraschend viele.

Damit die Hormonferkel nicht zu hüsteln beginnen und sich zu Hunderten gegenseitig mit irgendwelchen lästigen Krankheiten anstecken - was abgesehen davon, dass die Viecher vielleicht daran verrecken könnten, für den armen Bauern einen existenzbedrohenden Produktionsausfall bedeuten könnte -, werden sie mit Antibiotika voll gepumpt. Rein vorsorglich, versteht sich, man kümmert sich ja um die gewinnträchtigen Sparschweine. So. Und jetzt kommt der große Aufschrei, jetzt ist Skandal, was seit Jahrzehnten Praxis war.

Insofern haben die Sauereien in europäischen Kuhställen zumindest etwas Positives bewirkt, nämlich eine Sensibilisierung der breiten Öffentlichkeit in Bezug auf die Herstellung und Herkunft der Lebensmittel. Ohne diese plötzliche Hellhörigkeit hätten die Ferkeleien in österreichischen Schweineställen wohl nicht diesen Skandal dargestellt, der er heute ist. Denn öffentlich angeprangert wurden diese Machenschaften schon oft. Was den Verantwortlichen bisher aber herzlich wurscht war.

Rinderwahnsinn und Schweinedoping haben den Konsumenten jedenfalls gehörig verunsichert. Was kann er noch essen, wenn er sich weder das Gehirn zersetzen lassen, noch Arzneimittelcocktails schlucken will? Eh klar, Bio-Fleisch vom Bio- Bauern. Die singen ihre Ferkel zwar auch nicht in den Schlaf oder streicheln ihre Kälber zur Schlachtbank, aber sie verwenden kein Risikofutter und keine Dopingmittel. Und genau hier beginnt der eigentliche Landwirtschaftsskandal. Denn dadurch wird die Aufzucht der Viecher teurer.

Eines von vielen Beispielen dafür: Die Aufzucht von Kälbern mit künstlichem Milchersatzpulver, das unter Verdacht steht, BSE zu übertragen, ist wesentlich billiger ist, als das Tier ans Euter seiner Mutter zu lassen - eine Sauerei sondergleichen.

Trotz spezieller Subventionen kostet Bio-Fleisch derzeit noch um 30 bis 50 Prozent mehr als anderes. Wer soll sich das leisten können? In Österreich gibt es rund 1,8 Millionen Pensionsempfänger, die Hälfte davon bekommt weniger als 7500 Schilling im Monat - brutto. Denen kann man nicht mit Selbstverantwortung und Wahlmöglichkeit kommen. Die können das teure Bio-Fleisch nicht bezahlen. Und nicht nur die.

Das durchschnittliche Netto-Monatseinkommen pro Person liegt nach einer Mikrozensuserhebung der "Statistik-Austria" bei 13.800 Schilling. Jeder heimische Konsument, auch der einkommensschwache, muss sich aber gesundes Fleisch leisten können. Das ist sicherlich sein gutes Recht.

Was also zu tun ist, liegt auf der Hand: Die Subventionen für Bio-Bauern derart anheben, dass ihre Produkte im Handel auf demselben Preisniveau sind wie andere; das Geld dafür jenen Bauern in Form von schmerzlichen Subventionskürzungen wegnehmen, die sich einen Dreck um die Gesundheit der Konsumenten scheren; die Subventionen generell nicht mehr hauptsächlich nach der Zahl der Tiere und Größe des Hofes, sondern vielmehr nach der Art der Haltung und Aufzucht zahlen.

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