OeNB-Rolle und Perspektiven des österreichischen Aktienmarktes

in der Publikationsreihe "Berichte und Studien",

Wien (OTS) - Heft 4/2000, erschienen

Die Wiener Börse ist im internationalen
Vergleich zwar eine kleine Börse, eine Reihe von Indikatoren
deutet jedoch darauf hin, dass ihre Rolle als
Finanzierungsquelle für österreichische Unternehmen mit jener in anderen stark bankbasierten Ländern, gemessen an der Größe der Länder, durchaus vergleichbar ist.

Während die Aktie als Finanzierungsinstrument für die österreichische Wirtschaft in den letzten Jahren an Bedeutung gewonnen hat, hat die Rolle österreichischer Aktien als Veranlagungsinstrument - vor allem für institutionelle
Investoren - nicht im gleichen Ausmaß zugenommen. Demgegenüber
ist der Anteil der Banken als Aktienveranlager in Österreich deutlich höher als in anderen Industrieländern, während die Aktienveranlagung privater Haushalte trotz zuletzt deutlicher Zuwächse immer noch relativ gering ist.

Einer der Gründe des schwachen Engagements institutioneller Investoren am Wiener Börsenplatz ist die geringe Marktkapitalisierung und die damit verbundene geringe
Liquidität, die insbesondere für institutionelle Investoren die Transaktionskosten erhöht. Die geringe Liquidität hat zur tiefen Bewertung des österreichischen Aktienmarktes und damit auch zum geringen Marktvolumen der an der Wiener Börse notierten Werte beigetragen. Sie beeinträchtigt damit die Möglichkeit der
externen Eigenkapitalfinanzierung österreichischer Unternehmen.

Die Währungsunion erleichtert grenzüberschreitende Kapitalströme. Die in den letzten Jahren neu gegründeten Parallelmärkte und Wachstumsbörsen haben österreichischen Unternehmen neue Möglichkeiten zur Eigenkapitalaufnahme auch
über ausländische Börsen eröffnet.

Vielfalt im Börsewesen trägt zur Erhöhung der Effektivität und Effizienz der von den Börsen erbrachten Leistungen bei und
ist somit ein wesentlicher Bestandteil der Leistungsfähigkeit
eines Kapitalmarkts. Eine Zentralisierung von Börsenplätzen erhöht zwar über ein größeres Transaktionsvolumen die Liquidität des Marktes und ermöglicht so eine effizientere Preisgestaltung. Dem Fragmentierungsverlust, der mit der Aufteilung des Handels
auf mehrere Märkte einhergeht, stehen allerdings Effekte des Wettbewerbs zwischen den Börsen gegenüber. Börsenwettbewerb bietet Anlegern die Möglichkeit, den Anbieter mit dem besten Preis-Leistungs-Verhältnis auszuwählen. Auch Informationsasymmetrien wirken einer Zentralisierung der Börsenaktivitäten entgegen.

Die zunehmende Integration der europäischen Aktienmärkte erhöht den Konkurrenzdruck auf die Wiener Börse.Obwohl Regionalbörsen eine naturgemäß geringere Liquidität aufweisen und somit Emittenten nicht die günstigsten Konditionen für ihre Kapitalnachfrage gewährleisten können, erfüllen sie durchaus Funktionen für lokale klein- und mittelbetriebliche sowie exportorientierte Unternehmen im Rahmen der Pflege ihrer Konsumenten- und Lieferantenbeziehungen. Eine alleinige
Ausrichtung auf regionale Emissionen würde kapitalsuchenden Unternehmen allerdings nur einen unzureichenden Zugang zu den
von institutionellen Investoren verwalteten Mitteln ermöglichen.

Aus ökonomischer Sicht sollten Börsenfunktionen nicht zur Gänze zentralisiert werden, sondern lediglich die im
Zusammenhang mit der Abwicklung des Handels stehenden Aufgaben. Organisation, Überwachung und Betreuung regionaler Emittenten dürften besser dezentral aufgehoben sein.

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