Gesundheitsvorsorge bei MigrantInnen: Chancengleichheit in Sicht?

Wien (OTS) - Gesundheitsvorsorge bei MigrantInnen:
Chancengleichheit in Sicht? In fast allen europäischen Großstädten sind für MigrantInnen die Einrichtungen des Gesundheitswesens wichtige Anlaufstellen. Sprach- und Kulturbarrieren, die Unkenntnis der Strukturen, ein unterschiedliches Gesundheitsverständnis und spezifische Beeinträchtigungen der persönlichen Gesundheit erfordern daher spezielle Maßnahmen, damit die Lebensqualität von MigrantInnen verbessert wird.

"In Österreich haben alle Menschen - unabhängig von Alter, Geschlecht oder Herkunft - gleichermaßen Zugang zur Spitzenmedizin. Damit das Prinzip der Solidarität in der Praxis auch gelebt werden kann, müssten eventuell bestehende Barrieren, die vielen MigrantInnen den raschen Zugang zur medizinischen Versorgung versperren könnten, rasch und nachhaltig beseitigt werden", sagt Wiens Gesundheitsstadträtin Dr. Elisabeth Pittermann. "Vorsorge ist die beste Versicherung für ein gesundes Leben. Im Krankheitsfall ist es wichtig, rechtzeitig einen Arzt oder ein Spital zur Behandlung aufzusuchen."

Tagung "Gesundheitsrisiko Migration?"

Aktuelle Trends und notwendige Maßnahmen werden auf der Tagung "Gesundheitsrisiko Migration?" am 31. Jänner 2001 von nationalen und internationalen ExpertInnen in Wien diskutiert. In zwei Workshops stehen die Themen "Seelische Gesundheit" und "Gesundheitsförderung" im Mittelpunkt. In einem dritten wird auf die besonderen Probleme von Frauen, Müttern und Kindern eingegangen.

Frauenstadträtin Mag. Renate Brauner betonte, wie wichtig der geschlechtsspezifische Zugang in der Medizin sei: "Wien ist in der Frage der Frauengesundheit im europäischen Spitzenfeld. Wien hat eine eigene Frauengesundheitsbeauftragte, ein allgemeines Frauengesundheitszentrum und auch ein Frauengesundheitszentrum speziell für Migrantinnen. Denn gerade Zuwanderinnen brauchen auf Grund von Sprachdefiziten oder kulturellen Barrieren besondere Angebote."

Anhand von Beispielen aus Europa zeigen internationale ExpertInnen die Möglichkeiten und Barrieren in der Gesundheitsförderung auf. Ziel der Veranstaltung ist es, die bisherigen Bemühungen im Hinblick auf eine optimale gesundheitliche Versorgung von MigrantInnen darzustellen und zukünftige Entwicklungsmöglichkeiten zu diskutieren.

Migration - eine europäische Herausforderung

Migrationsbewegungen innerhalb und zwischen den Mitgliedstaaten sowie in die Europäische Union sind Bestandteil der politischen, sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen Entwicklung in Europa. "Bisher sind aber keine repräsentativen epidemiologischen Studien bekannt, die den Gesundheitsstatus von MigrantInnen innerhalb der Europäischen Union detailliert und vergleichend beschreiben", erklärt Wilfried Kamphausen von der Generaldirektion Gesundheit und Verbraucherschutz der Europäischen Union. "Da verlässliche und vergleichbare Daten zur Zeit erst im Ansatz verfügbar sind, stellen der Erfahrungsaustausch über die Landesgrenzen hinweg und die Vorstellung der Ergebnisse von Pilotprojekten einen wichtigen Bestandteil der Diskussion dieses Problems dar", steckt der EU-Experte die Zielsetzung der Wiener Tagung ab.

Chancengleichheit in der Gesundheitsvorsorge

"Langfristig können Sonderprogramme und -einrichtungen für Minderheiten nicht dazu beitragen, die Integration dieser Gruppen zu erhöhen. Daher ist es notwendig, die Chancengleichheit bereits in der Planung von Gesundheitsförderungsprogammen zu erhöhen", sagt Dipl.-Ing. Dr. Hannes Schmidl, Leiter des Dezernates für Gesundheitsplanung in der Gemeinde Wien und einer der Initiatoren der Enquete. Trotzdem, so sind sich die ExpertInnen einig, müssen auch nationale Unterschiede Eingang in die Planung finden: "Eine Einschätzung der persönlichen Gesundheitsvorsorge ist nur im sozio-kulturellen Kontext möglich. Die Einstellung zu und der Umgang mit Krankheit, Gesundheitssystemen oder Beratungsstellen hängt von der politischen, sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen Umgebung ab, aus der ein Mensch stammt", betont Schmidl.

Internationale Erfahrungen

"Vor allem in Großstädten werden die Gesundheitsprobleme durch die große Zahl an MigrantInnen noch deutlicher spürbar", berichtet Toon Voorham vom Städtischen Gesundheitsamt Rotterdams über seine Erfahrungen aus dem WHO-Projekt "Healthy City". "Neben der Entwicklung spezieller Programme zur Gesundheitsvorsorge von MigrantInnen und der Schulung des Gesundheitspersonals ist vor allem die Einrichtung von Informationszentren zur Gesundheitsvorsorge ein wichtiger Bestandteil einer erfolgreichen Strategie", sagt Voorham.

Gesundheit von MigrantInnen - Schwerpunkt in der Gesundheitsplanung der Stadt Wien Wien hat bereits in den 80er Jahren unterschiedliche Projekte zur Integration nicht-deutschsprachiger MitbürgerInnen initiiert und arbeitet seither intensiv an der Planung und Umsetzung einer effektiven Versorgung und Integration von MigrantInnen. "Wir sind sehr systematisch an die Sache herangegangen. Von der Stadt Wien wurden drei große Studien über die Gesundheitsvorsorge von ZuwanderInnen in Auftrag gegeben", erklärt Co-Veranstalterin Univ.-Prof. Dr. Beate Wimmer-Puchinger, Frauengesundheitsbeauftragte der Stadt Wien und Leiterin des Ludwig Boltzmann Instituts für Frauengesundheitsforschung. Im Rahmen des Wiener Gesundheitsförderungsplanes und des Wiener Frauengesundheitsprogrammes wurden darüber hinaus auch eigene Programme für in Wien lebende ZuwanderInnen erstellt. "Die verantwortlichen EntscheidungsträgerInnen der Stadt Wien sind sich bewusst, dass die effektive Versorgung ausländischer MitbürgerInnen innerhalb des öffentlichen Dienstes die Grundlage der Integration in die Zivilgesellschaft und des friedlichen Zusammenlebens darstellt", betont Prof. Wimmer-Puchinger die Bedeutung dieser Initiativen.

Community Interpreting: Integration durch Sprache

Sprachbarrieren und die mangelnde Integration in das öffentliche Leben stellen für MigrantInnen ein nicht zu unterschätzendes Hindernis im Zugang zu öffentlichen Gesundheitsvorsorge-Programmen dar. "MigrantInnen kommen oft aus sozial schwachen Schichten und ländlichen Regionen. Ihre Einstellung zum öffentlichen Gesundheitssystem in Österreich ist daher grundsätzlich eine andere, als vergleichsweise die von WienerInnen", ist Safile Akbal, Koordinatorin für Gesundheitsbelange von Migrantinnen im Büro der Frauengesundheitsbeauftragen der Stadt Wien, überzeugt. "Verstärkt wird dieses Problem durch die radikalen Veränderungen im Lebensumfeld der MigrantInnen, die oft zu psychischen und mentalen Stresserscheinungen führen", so Akbal. In der Folge entstehen Krankheitsbilder, die eine besondere Aufmerksamkeit bei der Gesundheitsvorsorge und Beratung erfordern. Gerade im Gesundheitswesen ist daher das Dolmetschen nicht nur die Übersetzung von einer Sprache in eine andere, sondern erfordert zur Interpretation auch ein Verständnis sozio-kultureller Hintergründe, ein Ansatz, der in ExpertInnenkreisen als "Community Interpreting" bekannt ist. "Insbesondere in einem patientInnenorientierten Krankenhaussystem ist der Einsatz derart geschulter ÜbersetzerInnen und DolmetscherInnen aus dem Spitalsalltag nicht mehr wegzudenken", berichtet Arzu Ücler, Teamsprecherin der KrankenhausdolmetscherInnen im Wiener Sozialmedizinischen Zentrum Ost. In Wien wird Community Interpreting als Antwort auf die wachsende Zahl von MigrantInnen und damit verbundene Gesundheitsfragen bereits seit 1989 umgesetzt. Acht DolmetscherInnen stehen seither in sieben Wiener Spitälern für -immerhin oft mehr als 60 Prozent - nichtdeutschsprachige PatientInnen zur Verfügung. "Dieses Konzept ist heute eine fixe Einrichtung im Rahmen des Krankenanstaltenverbundes", erklärt Ücler. Neu ist die zunehmende Professionalisierung dieser Berufsgruppe: Im Jänner 2001 ist der erste Pilotkurs zur speziellen Ausbildung für KrankhausdolmetscherInnen erfolgreich abgeschlossen worden. 16 AbsolventInnen werden in Zukunft dazu beitragen, dass die Kommunikation im Spitalsalltag reibungsloser funktioniert und sowohl auf Seiten der PatientInnen als auch des Personals zu mehr Zufriedenheit führt.

Der Wiener Krankenanstaltenverbund auf dem Weg zum multikulturellen Unternehmen Eine Vielzahl von Menschen aus Dutzenden Nationen sind im Gesundheits- und Pflegebereich in Wien tätig.

Der Wiener Krankenanstaltenverbund ist einer der wichtigsten und größten Arbeitgeber im Gesundheitsbereich in Wien. Durch den hohen Anteil an fremdsprachigen MitarbeiterInnen sensibilisiert, wurde von Seiten des Wiener Krankenanstaltenverbundes eine Kampagne zur Gesundheitsförderung von MigrantInnen ins Leben gerufen. Aufbauend auf der Erfassung der Belastungspotenziale und Stressoren wurden Lösungsansätze zur Gesundheitsförderung unter dem Motto "Gemeinsam in eine gesunde Zukunft" diskutiert und nach Möglichkeit umgesetzt. "Der Wiener Krankenanstaltenverbund ist durch diese sehr erfolgreichen Massnahmen auf dem Weg zum multikulturellen Unternehmen", erklärt Judith Polat-Firtinger vom Wiener Krankenanstaltenverbund.

MigrantInnen für die Prävention sensibilisieren und motivieren Wien zeichnet sich nicht nur durch seine Vorreiterrolle im Umgang mit nicht-deutschsprachigen PatientInnen aus, sondern nimmt durch die Einrichtung der ersten Ambulanz im deutschsprachigen Raum zur psychologischen Betreuung ethno-kultureller Minderheiten eine Pionierstellung ein. Im Rahmen der Enquete stehen im Workshop "Seelische Gesundheit" die praktischen Erfahrungen aus dieser Arbeit im Mittelpunkt der Diskussion. "In der Ambulanz für transkulturelle Psychiatrie an der Universitätsklinik für Neuropsychiatrie des Kindes- und Jugendalters in Wien werden vorwiegend junge MigrantInnen und Flüchtlinge betreut", berichtet Dr. Kanita Dervic, Mitarbeiterin dieser Einrichtung im AKH Wien. "Ein Schwerpunkt dieser Ambulanz ist die Sensibilisierung der Eltern für die spezifischen Bedürfnisse ihrer Kinder. Damit sollen vor allem auch die MeinungsbildnerInnen innerhalb der MigrantInnen für Fragen der Prävention zugänglicher gemacht werden"; beschreibt Dervic die vorrangigen Ziele bei der Betreuung von Kindern und Jugendlichen.

Mit den unterschiedlichen Initiativen hat Wien insgesamt bereits erfolgreiche Schritte in Richtung einer verbesserten Integration von MigrantInnen in das Gesundheitswesen gesetzt. Neben der Weiterbildung des Gesundheitspersonals und den kulturspezifischen Gesundheitsförderungsprogrammen wird vor allem die Verbesserung der Datenerfassung und Information sowie die Sicherstellung gesunder Arbeitsbedingungen für Migrantinnen eine Herausforderung der Zukunft sein.

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