"Tiroler Tageszeitung" Kommentar: "Die Umfragesieger" (von Günther Schröder)

Ausgabe vom 29. 1. 2001¶

Innsbruck (OTS) - Seine Auftritte haben immer noch etwas von einer Uni-Vorlesung. Alexander Van der Bellen hat sein Professorendasein derart verinnerlicht, dass seine politischen Gegner selbst in heftigen Parlamentsdebatten auf Zwischenrufe vergessen. Entweder lauschen sie ergriffen - oder sie sind dem Einschlafen nahe. Der Mann, der ein Alptraum für jeden Medienberater sein müsste, hat die Grünen in lichte Höhen geführt. Nicht alle Gründe dafür liegen bei ihm.

Sehr viel hat die Stärkephase mit der Schwäche der Sozialdemokraten zu tun. Sehr viel auch damit, dass das Liberale Forum dahinsiecht und bei der Wien-Wahl am 25. März wahrscheinlich endgültig entschlafen wird. Viele bürgerliche Liberale sind zudem von der Koalition der ÖVP mit den Freiheitlichen verschreckt. Und hier setzt eine der Stärken des Professors ein, er ist nämlich für alle Bevölkerungskreise wählbar. Er kennt sich aus - und er eint derzeit die zur Zerstrittenheit neigenden Grünen, die Jahre gebraucht haben, um zu einer schlagkräftigen Organisation und einem entsprechenden Erscheinungsbild zu finden. Wäre Van der Bellen Sozialdemokrat (geblieben), Wolfgang Schüssel hätte einen gefährlichen Herausforderer.

Doch Van der Bellens Vorsicht im Bezug auf die Wien-Wahl sind berechtigt. Zum einen gebärdet sich Spitzenkandidat Christoph Chorherr schon wie der nächste Vizebürgermeister. So etwas schätzen Wähler ganz und gar nicht. Zum anderen übertüncht Van der Bell en geschickt das personelle Loch, das da in der zweiten Reihe gähnt. So ist es alles andere als sicher, dass die langjährigen Umfragesieger die guten Werte gerade am 25. März ins Wahlziel bringen.

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