"Die Presse"-Kommentar: "Die Zeit der Neorealisten" (von Burkhard Bischof)

Ausgabe vom 24.1.2001

WIEN (OTS). Wladimir Putin tritt die Flucht nach vorne an _ frei nach dem Motto: Eigeninitiative ist die beste Verteidigung. In einem Brief an den neuen amerikanischen Präsidenten macht er George Bush eine Reihe von Vorschlägen, wie die russisch-amerikanischen Beziehungen auf eine realistische, geschäftmäßige Grundlage gestellt werden könnten.
Durch einen solchen Neuansatz sollen sowohl Russen wie Amerikanern die negativen Gefühle wieder ausgetrieben werden, die sich in den beiden Völkern in den vergangenen Jahren gegeneinander aufgestaut haben: Die überwiegende Mehrheit der Russen klagte immer lauter, die Amerikaner träten ihnen gegenüber als Lehrmeister auf, zwängen ihnen "wesensfremde" Reformen auf und versuchten gleichzeitig, Rußland auszubeuten. Die Amerikaner beschwerten sich immer mehr, daß US-Hilfe an Rußland in einem Faß ohne Boden verschwinde und vor allem dazu diene, die korrupte russische Oligarchie noch reicher zu machen. Wenn auf hoher politischer Ebene während der Clinton-Ära die Kontakte zwischen Washington und Moskau auch recht intensiv waren, die Obersten einander gerne auf die Schulter klopften und Wangenküsse austauschten: auf den Ebenen darunter vergiftete sich das bilaterale Klima immer mehr.
Die neue US-Regierung will die Dinge ändern - und Putin will das offensichtlich auch. Condoleezza Rice, die Nationale Sicherheitsberaterin von Präsident Bush und zunächst einmal ganz offensichtlich die Architektin bei der Formulierung der künftigen Rußlandpolitik Washingtons, hat bereits ungeschminkt dargelegt, was ihr an der Politik Moskaus derzeit nicht paßt: das verzweifelte, rücksichtslose, dadurch problematische Festhalten an der Großmacht-Attitüde; die schwache Verankerung der Demokratie; die Passivität bei den Wirtschaftsreformen; die Instrumentalisierung des Tschetschenienkrieges für politische Zwecke. Dennoch plädiert sie für einen Neorealismus: "Die USA müssen Rußland als Großmacht anerkennen und sich klar darüber sein, daß wir stets Interessen haben werden, die miteinander kollidieren, und solche, bei denen man sich einig werden kann."
"Wot i vse" - das ist's, kann Putin darauf nur antworten. Denn auch er plädiert in seinem Brief an Bush für einen solchen neorealistischen Ansatz, betont, daß keine äußere Macht der Welt Rußland die Demokratie beibringen könne; es gebe Kooperationsmöglichkeiten in vielen Bereichen, in manchen anderen aber seien Meinungsverschiedenheiten unvermeidlich, eben weil die nationalen Interessen der beiden Riesen teilweise sehr verschieden gelagert sind.
Putin ist offenbar schon ein ganz geschickter geopolitischer Schachspieler: Wenn er etwa eindringlich für den Bau eines russisch-europäischen Raketenabwehrschirmes und 4+1-Verhandlungen (USA, Rußland, Großbritannien, Frankreich plus China) über eine Adaptierung des Raketenabwehrvertrages von 1972 plädiert, macht er sich nicht nur zum Fürsprecher Chinas, er zielt auch auf eine Vertiefung der europäisch-amerikanischen Differenzen ab. Und wenn Putin die neue US-Regierung zum gemeinsamen Kampf gegen den islamischen Terrorismus in Zentralasien und im Kaukasus aufruft, will er natürlich die tiefsitzende amerikanische Angst vor internationalem Terror für eigene Zwecke einspannen.
Freilich, das außenpolitische Bush-Team macht nicht den Eindruck, ob es sich so leicht instrumentalisieren ließe. Und genauso wenig wie Putin scheint es die offene Kontroverse über strittige Fragen zu scheuen. In der Weltpolitik könnten so demnächst zwar die Fetzen fliegen - freilich, die Kontrahenten in Moskau und Washington machen keinesfalls den Eindruck von Hasardeuren. Spannende Zeiten stehen bevor.

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