"Die Presse"-Kommentar: "Die entpensionierte Helene" (von Andreas Unterberger)

Ausgabe vom 22.1.2001

WIEN (OTS). Helene Partik-Pablé ist gewiß eine Notlösung. Das weiß sie auch selber. Vom einflußreichsten Parteimitglied der FPÖ allzuoft als Statist einer früheren Zeit beiseite geschoben, darf sie nun im Pensionsalter nur deshalb plötzlich den Spitzenkandidaten spielen, weil kein anderer wollte. Weil der einzige, der wollte, sich als Unglück, als ein von Strafprozessen Bedrohter, als Mann ohne jede Ausstrahlung erwiesen hat. Weil in der FPÖ eigentlich jeder überzeugt ist, daß bei der Wiener Wahl derzeit nichts zu holen ist.
Partik-Pablé sollte aber nicht ganz unterschätzt werden. Sie ist zum einen intelligenter als so manche andere, mit denen die FPÖ zuletzt Schiffbruch erlitten hat. Sie wird mit großer Härte, wenn auch geschickter Wortwahl, jenes Thema spielen, mit dem die FPÖ immer noch am ehesten punkten kann: mit einem "Stopp der Zuwanderung". Und sie bringt zugleich auch eine menschliche Dimension ins Spiel: als Mutter, die sich seit langem intensiv um eine behinderte Tochter kümmert.
Mit diesem letzten Aspekt verhindern die Freiheitlichen jedenfalls eine Wiederholung ihres steirischen Fehlers, wo ihnen viele Wähler den eiskalten Umgang mit einer im falschen Zeitpunkt schwanger gewordenen Kandidatin angekreidet haben.
Dennoch wird Härte das dominierende Stilmittel des bevorstehenden Wiener Wahlkampfs sein. Die Tritte gegen das Schienbein des im ersten Jahr der neuen Partnerschaft noch pfleglich behandelten Koalitionspartners werden sich häufen. Vor allem aber wird es freiheitliche Frontalattacken gegen den Bürgermeister hageln, der auch seinerseits viel lieber die Box- als die Samthandschuhe ausführt. Der aber wissen sollte, daß allzu scharfes Hinhauen auf die neue FP-Kandidatin einen Mitleidseffekt auslösen könnte.
Wie auch immer die letzten Wiener Kampf-Wochen ausgehen werden, eines ist schon seit Sonntag klar: Wer auf ein Ruhigerwerden Jörg Haiders gesetzt hat, der hat sich getäuscht. Jedesmal noch, wenn es seiner Partei schlecht geht, gelingt es ihm, seine bisherige Aggressivität noch zu übertreffen. Er tut dies auch jetzt wieder -bis hin zu einer möglichen Bedrohung der Koalition am Ballhausplatz.

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