Kommentar 16.1.2001 - Wie der Abfall auf den Essteller kommt von Erwin Frasl

Wien (OTS) - Die erste BSE-Schockwelle erfasst jetzt auch Österreich. Bislang handelt es sich allerdings nur um einen ersten Verdacht, dass eine österreichische Kuh, die nach Deutschland geliefert wurde, BSE-krank sein könnte. Aber egal, ob es sich nun tatsächlich um den ersten BSE-Fall in Österreich handelt oder nicht, Änderungen im Umgang mit Nahrungsmitteln sind auch in Österreich lebensnotwendig. Jahrzehntelang waren die Konsumenten gewohnt, dass Lebensmittel immer billiger und billiger wurden. Unmittelbar nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs versuchten die Politiker mit Hilfe von amtlicher Preisregelung und Paritätischer Preiskommission die Preise von Lebensmitteln zu dämpfen, um die Inflation zu bekämpfen. Niedrige Nahrungsmittelpreise waren ja eine der Bedingungen, um den Gewerkschaften niedrige Lohnerhöhungen schmackhaft zu machen. Nach und nach hat die Einkaufsmacht des Handels die staatlichen Eingriffe in die Preisbildung von Lebensmitteln abgelöst. Durch enormen Preisdruck auf ihre Lieferanten, die Bauern, machten die grossen Handelsketten Lebensmittel zu beliebten Lockartikeln mit Tiefstpreisen. Die Rechnung dafür mussten hauptsächlich die Bauern bezahlen. Sie konnten keine angemessenen Preise am Markt erzielen. Ihre eigenen Raiffeisengenossenschaften konzentrierten sich aber lieber auf den Ausbau ihres Banken- und Versicherungsreichs als auf bäuerliche Selbsthilfe-Aufgaben. Angesichts des enormen Preisdrucks versuchten die Landwirte daher mit allen Mitteln - manchmal bis an die Grenze der Legalität - die Kosten der Agrarproduktion zu senken, um wenigsten einen kleinen Gewinn zu erzielen. Wie schwer dies ist, zeigen die bescheidene Einkommenszuwächse der Bauern. Kein Wunder, dass von den Bauern beinahe jedes Abfallprodukt an Tiere verfüttert wurde, um die Kosten zu senken. Die Ergebnisse dieser besonderen Müllentsorgung etwa über Rindermägen landete dann auf unseren Esstellern. Verschärft wurde die Lage für die österreichischen Bauern durch den EU-Beitritt: Plötzlich mussten sie nicht nur mit der extrem umweltfeindlichen US-Landwirtschaft konkurrieren, sondern auch mit den riesigen europäischen Agrarfabriken, die die EU seit Jahrzehnten toleriert. Auch das gehört zum BSE-Skandal. Und Österreich stellt den Agrar-Kommissar dazu. (Schluss) ejf

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