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Presse-Kommentar: Mein Leben gehört mir? (von Detlef Harbich)

Ausgabe vom 13. Jänner 2001

Wien (OTS). Die Österreicher sind im internationalen Vergleich ein eher konservatives Volk. Auch beim heiklen Thema Sterbehilfe, wo sich bei einer jüngsten Umfrage 49 Prozent der Befragten dafür aussprachen, nur 26 Prozent dagegen. In anderen Ländern ist diese Mehrheit viel eindeutiger, in Deutschland 81 Prozent.
In Holland hat man schon vor Jahren die Konsequenzen gezogen und Ärzte unter bestimmten Auflagen straffrei gestellt, wenn sie unheilbar kranke Menschen auf deren eigenen Wunsch von ihren Leiden erlösen.
Und die Trends, die solche Mehrheiten schaffen, halten ungebrochen an: Die Menschen leben länger, die medizinischen Möglichkeiten, auch unheilbar krankes Leben zu verlängern, wachsen, werden aber immer kostspieliger, die Bindung an religiöse Gebote _ Gott hat das Leben gegeben, nur er kann es wieder nehmen _ läßt nach. Das läßt eine Auseinandersetzung absehen, gegen die der Streit um die Abtreibung eine Kleinigkeit ist.
Am Anfang steht eine verlockend einfache Formel: Mein Leben gehört mir. Aber dann kommen schon die heiklen Fragen. Vor allem eine: Wie kann man verhindern, daß der verlangten Freiwilligkeit mit Druck aus dem Umfeld nachgeholfen wird? Ist es nicht oft so, daß das Leiden eines Menschen vor allem für die ihn betreuende Umwelt eine Last ist? Diesbezüglich kann der menschlichen Phantasie nur mißtraut werden. Und an frommen Sprüchen von "Erlösung" wird es nie mangeln. Anderseits ist die größere Autonomie des Menschen heute ein Faktum, an dem auch die Religionsgemeinschaften nicht so ohne weiteres mehr vorbei können. Die katholische Kirche hat es bei Pille und Abtreibung erlebt.
Will man nicht die Euthanasie, dann muß man praktikable Gegenmodelle entwickeln, wie das die Hospiz-Bewegung tut, die Todkranken ein Sterben in Würde ermöglicht, ohne Schmerzen, ohne sinnloses Herumdoktern.
Dann muß sich wohl auch die Medizin _ und wir alle _ etwas umorientieren und Sterben nicht als Niederlage sehen, die mit allen Mitteln hinausgezögert wird, sondern als Herausforderung zu einer sanften "Gestaltung" der letzten Phase, nicht zur willkürlichen Beendigung.

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