"Taxi Orange"-Enquete im ORF-Zentrum Wien: Zusammenfassung der Publikumsdiskussion am Vormittag

Wien (OTS) - Im Anschluss an die Statements von Generalintendant Gerhard Weis, Programmintendantin Mag. Kathrin Zechner, Prof. Dr. Rudolf Bretschneider und Dr. Johannes Hawlik, Dr. Roger Willemsen und Jens Richter bat Moderator Dr. Roland Adrowitzer zur ersten Publikumsdiskussion. Im Folgenden eine Zusammenfassung einiger Stellungnahmen:

Karl Brandstätter (Kurator) begrüßte als ORF-Kurator die Entscheidung, "Taxi Orange" zu produzieren. Für den freischaffenden Künstler hat "Taxi Orange" die Kulturszene insgesamt sogar befruchtet. Seiner Ansicht nach hat die Kultur im ORF nicht unter "Taxi Orange" gelitten.

Helga Rabl-Stadler (Kurator) sprach die Frage an, ob ein Format wie "Taxi Orange" grundsätzlich zum öffentlich-rechtlichen ORF passe, und brachte vor allem Kritik an der Programmierung (75 Tage dominant im Hauptabend vertreten) an. Die Werbung, die für "Taxi Orange" eingesetzt wurde, hätte ihrer Ansicht nach für wichtigere Themen oder Sendungen verwendet werden sollen.

GI Gerhard Weis hielt fest, dass der PR-Aufwand des ORF etwa für die Portisch-Reihe "Schauplätze der Zukunft" sechs Mal so hoch war wie jener für "Taxi Orange". Weiters betonte er, dass im Kontrastprogramm zu "Taxi Orange" Sendungen wie "Universum", "help tv", "Jedermann", die "Verhaftung des Johann Nepomuk Nestroy" oder "Der Weibsteufel" zu sehen waren. Weis räumte ein, dass an manchen Tagen Alternativprogramm nicht optimal eingesetzt wurde, pauschal gilt aber, dass die Programmauswahl sorgfältig vorgenommen wurde.

Prim. Olaf Arne Jürgenssen (Kinderarzt) stellte die moralische Frage, ob es berechtigt sei, Produktionen wie "Taxi Orange" zu senden. Er sehe auch für die Zukunft gefährliche Tendenzen, sollte der Trend zu Reality-Formaten anhalten, und bezweifle, dass Jugend sich hier wiederfinden könne. Er sagte, Reality-TV lasse leben und sei ein Beobachten, das eigene Handeln und die eigene Kreativität werde hintangestellt.

Eva Rossmann (Publizistin) war nach eigenen Angaben anfangs skeptisch gegenüber "Taxi Orange" eingestellt, vor allem den Abwahlmodus betreffend. Im Verlauf der Sendung begann sie sich dafür zu interessieren, für die Machart des Programms sowie für die Kandidaten. Größte Sorgfalt müsse ihrer Ansicht bei der Umsetzung von Reality-Formaten herrschen. Aus feministischer Sicht hielt sie für positiv, dass bei "Taxi Orange" Rollenklischees nicht verfestigt wurden. Vor allem die Würde der Teilnehmer blieb bei "Taxi Orange" gewahrt.

Mischa Zickler (ORF-Programmentwicklung) hielt fest, dass im Gegensatz zu vielen anderen Reality-TV-Formaten, bei "Taxi Orange" keiner der Kandidaten vorzeitig den Kutscherhof verlassen habe.

Prof. Herbert Hrachovec (Universität Wien) stellte fest, dass durch "Taxi Orange" wichtige Diskussions- und Lernprozesse angeregt würden. Reality-TV habe vieles in der herkömmlichen TV-Unterhaltung aufgebrochen und komme so der Kultur zugute. Sogar Regisseure von Hochkultur würden davon lernen können.

Helmut Zilk (Altbürgermeister und ehemaliger Fernsehdirektor) ist der Ansicht, dass "Taxi Orange" mit dem öffentlich-rechtlichen Auftrag konform gehe und man die Tatsache, dass der ORF sich dem Phänomen des Reality-TV stelle, positiv bewerten müsse. Es ist Aufgabe des ORF, Zuschauer für sein Programm zu gewinnen. Weiters merkte Zilk an, dass sich "Taxi Orange" positiv von "Big Brother" unterschieden habe, weil es eine Aufgabe - in diesem Fall Taxifahren - in den Mittelpunkt gestellt habe. Bei einer eventuellen Fortsetzung sei es wichtig, die Aufgabenstellung weiterzuentwickeln und die Realitätsbezogenheit zu unterstreichen und zu verstärken. Er wies allerdings auch auf eine Untersuchung der ersten "Big Brother"-Kandidaten hin, wonach einige angeblich unter Schlafstörungen nach der Sendung litten, und regte an, diese möglichen Folgen nicht außer Acht zu lassen.

Walter "Watzinger" (Kandidat "Taxi Orange") betonte, dass er selbst unter keinerlei Schlafstörungen oder ähnlichen Problemen zu leiden habe. Er dankte dem ORF und insbesondere Sissy Mayerhoffer (Geschäftsführerin der ORF-Enterprise) für die professionelle Betreuung und Unterstützung während und nach "Taxi Orange". Sein Leben habe sich verändert, er sei momentan viel bei PR-Auftritten und Veranstaltungen unterwegs. Zusammenfassend hielt Walter fest, dass er glaube, dass "Taxi Orange" ein Gewinn für den ORF war.

Peter Vitouch (Medienpsychologe, "Kurier"-Kolumnist) sieht Probleme im zu lockeren Umgang mit den Begriffen Realität und Authentizität. Wir wüssten nicht wirklich, was bei dieser "Versuchsanordnung" passiere und ob man Personen das zumuten könne. Es sei doch ein großer Bruch im Leben der Kandidaten. Es sei eine Illusion zu glauben, "Taxi Orange" sei Realität, es handle sich bestenfalls um eine Annäherung an diese. Er gab zu bedenken, dass Sendungen wie "Taxi Orange" zur Annahme verführten, nur wenn ich im Fernsehen bin, existiere ich, und hielt es für sinnvoll, Zuschauern diese Diskussion und den direkten Dialog zu ermöglichen.

GI Gerhard Weis wies darauf hin, dass der ORF noch mehr als bisher den direkten Dialog suchen wolle. Fernsehen wende sich an ein Massenpublikum, wenn der ORF dieses nicht erreiche, verfehlte er seinen Zweck.

Eva Flicker (Soziologin) hielt positive Effekte von "Taxi Orange" fest, etwa dass ganz alltägliche Lebensbereiche durch die Sendung sichtbar gemacht würden. Was die gesellschaftlichen Rollenbilder von Männern und Frauen angehe, hätte "Taxi Orange" diese sowohl aufgebrochen als auch zementiert. Auffallend sei jedoch, wie sehr der Körper als Instrument der Selbstinszenierung eingesetzt werde.

Robert (Kandidat "Taxi Orange") sagte, dass sich sein Leben nach "Taxi Orange" verändert habe. Plötzlich seien Menschen an ihm interessiert, die ihn vor einigen Monaten überhaupt nicht beachtete hätten. Was seine Homosexualität anbelange, so habe er seine sexuelle Orientierung nie verstecken wollen. Er habe in "Taxi Orange" zeigen können, wie er wirklich sei.

Stefan Schennach (Kurator) stand zu Beginn "Taxi Orange" kritisch gegenüber, sei aber nach eigenen Worten später "konvertiert". Positiv sieht er, dass durch die Sendung gesellschaftlich relevante Diskussionen in Gang gesetzt wurden - in Familien, im Freundeskreis usw. Auch die Auswahl der Kandidaten bewertete er sehr positiv. Sie hätten alle erstaunliches geleistet. Lob sprach er für das Publikum aus, das bei den Wochenwertungen mit "Magenta" Andrea eine unbequeme und unkonventionelle Frau zur beliebtesten Taxlerin gewählt hatte. Problematisch sieht Schennach den Abwahlmodus, der ihn an ein archaisches Grundmuster erinnere. Ebenfalls bedenklich sei, wenn nach Erfolg der ersten Staffel bei allfälliger Fortsetzung die "Dosis" erhöht werden müsse. Er wies zudem auf die finanzielle Belastung durch die Mehrwertnummern hin, da besonders viele Jugendliche zu den Anrufern zählten.

Alice Pitzinger (Familienbund): Die Vertreterin von 15 Familienberatungsstellen berichtete, dass keinerlei Beschwerden bezüglich höherer Telefonkosten eingegangen wären. Sie strich als Mutter hervor, dass die Idole, die aus "Taxi Orange" hervorgegangen sind, erreichbarer seien als Film- oder Popstars. Eine umso höhere Verantwortung käme dem ORF zu, wenn es stimme, dass Reality-TV Ersatz für fehlende Kommunikation in der Familie sei. Sollte es zu einer Fortsetzung kommen, müsse auf diesen Umstand besonders Rücksicht genommen werden.

Josef Cap (Kurator) fühlte sich an seine Schulzeit erinnert, in der zuletzt so viele zwangspädagogische Denkansätze zu hören gewesen waren, und appellierte ironisch an die Programmmacher im ORF, sich nicht dreinreden zu lassen, denn sonst bekäme "Taxi Orange" eine sozialpartnerschaftliche Zusammensetzung. Ernsthaft merkte er an, dass gesellschaftlich relevante Themen in der Sendung zu sehen gewesen wären.

Helga Rabl-Stadler (Kurator) kritisierte dennoch, dass durch "Taxi Orange" Stars gemacht würden, und wies auf die Problematik für diese jungen Menschen hin. Der ORF müsse sich überlegen, ob er da mitmache.

Sissy Mayerhoffer (ORF-Marketing) betonte, dass sowohl während als auch nach "Taxi Orange" alle Kandidaten betreut würden. Weiters merkte sie an, dass man nicht nur durch das Mitmachen bei "Taxi Orange" zum Star würde, es gehöre mehr dazu, als nur dabei zu sein. Von 13 Kandidatinnen und Kandidaten hätten nur einige wenige das Zeug zum Star.

Doris Bach (Psychologin "Taxi Orange") hielt fest, dass sie als psychologische Betreuerin von "Taxi Orange" während der Sendung rund um die Uhr zur Verfügung stand und auch jetzt noch mit einem Team die Kandidaten begleite. Bach sagte, alle Kandidaten befänden sich auch nach dem Ende von "Taxi Orange" in einer guten Verfassung.

Robert (Kandidat "Taxi Orange") hielt entgegen, dass seiner Meinung nach, einige der früh ausgeschiedenen Kandidaten möglicherweise doch unter dem Umstand litten, jetzt nicht den "Hype" wie andere genießen zu können.

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