"Taxi Orange"-Enquete im ORF-Zentrum Wien: Erfolgreiches ORF-Format im Mittelpunkt der Diskussion

Wien (OTS) - Rund 150 Gäste fanden sich am Donnerstag, dem 11. Jänner 2001, im ORF-Zentrum ein, um bei der vom ORF veranstalteten "Taxi Orange"-Enquete gemeinsam mit den ORF-Programmverantwortlichen und mit Experten über das ORF-Reality-Format "Taxi Orange" zu diskutieren. Nach der Begrüßung durch Moderator Dr. Roland Adrowitzer gab es am Vormittag Statements von Generalintendant Gerhard Weis und Programmintendantin Mag. Kathrin Zechner: Weis stellte die unternehmenspolitischen Zusammenhänge her, Zechner zog ein programmliches Resümee dieses erfolgreichen Formats. Weitere Referenten am Vormittag waren die Meinungsforscher Prof. Dr. Rudolf Bretschneider und Dr. Johannes Hawlik, beide vom Institut FESSEL-GfK, Dr. Roger Willemsen, Moderator und Produzent aus Hamburg, und Jens Richter, internationaler Vertriebsleiter Kirch-Gruppe. Ziel der Enquete ist es, in der Diskussion mit Kritikern und Befürwortern dieses Genres wertvolle Impulse zu liefern. Die Entscheidung darüber, ob "Taxi Orange" fortgesetzt wird, wird nicht im Rahmen dieser Enquete, sondern erst zu einem späteren Zeitpunkt getroffen. Die ORF-Geschäftsführung wird erst nach eingehender Prüfung aller Argumente über die Fortführung dieses erfolgreichen Sendeformats entscheiden. Teilnehmer an der Enquete waren u.a.: Mitglieder des ORF-Kuratoriums und der Hörer- und Sehervertretung, Wissenschafter, Medienexperten und Journalisten, Vertreter der Werbewirtschaft sowie das "Taxi Orange"-Team und "Taxi Orange"-Teilnehmer.

Ztl.: Generalintendant Weis: Programm aus dem Dialog heraus

In seinem Eröffnungs-Statement unterstrich Generalintendant Gerhard Weis, dass die heutige Auseinandersetzung zum Thema "Taxi Orange" für den ORF sehr wichtig sei. Öffentlich-rechtlicher Rundfunk, so Weis, lebe und gestalte seine Programme aus dem Dialog heraus, er sei einerseits Spiegel der Gesellschaft, andererseits Initiator, Gestalter und Beweger. Weiters betonte Generalintendant Gerhard Weis, dass der öffentlich-rechtliche Auftrag ein sehr weites Spektrum umfasse und auch das Recht des Publikums auf Unterhaltung beinhalte. Der wohlverstandene öffentlich-rechtliche Auftrag erfordere kein Entweder-Oder, sondern ein Sowohl-Als-Auch - mit diesem Sowohl-Als-Auch erfülle der öffentlich-rechtliche Rundfunk den Auftrag, Programm für das gesamte Publikum zu senden. Das Format "Taxi Orange" bezeichnete Weis als eine "Notwehrreaktion", um junge Seher zum ORF und dessen öffentlich-rechtlichen Angebot zurückzuholen. "Taxi Orange" zähle nicht zu den öffentlich-rechtlichen Kernprogrammen, es stehe aber im Einklang mit dem öffentlich-rechtlichen Wertekatalog und sei sehr wohl "öffentlich-rechtlich verträglich". Generalintendant Gerhard Weis betonte auch, dass der ORF darauf angewiesen sei, rund die Hälfte seines Budgets auf dem Markt zu verdienen. Weis: "Mit breitenwirksamen Programmen wie ‚Taxi Orange' erzielt der ORF jene Werbeeinnahmen, die wir zur Finanzierung unserer öffentlich-rechtlichen Kernaufgaben benötigen. Die Gebühren betragen 47 Prozent unseres Budgets, für die öffentlich-rechtlichen Kernaufgaben geben wir aber 72 Prozent unseres Budgets aus. Den Rest verdienen wir durch Werbung." Abschließend dankte Generalintedant Weis dem Publikum und der Werbewirtschaft, dass "Taxi Orange" ein "so großer Erfolg war und dazu beigetragen hat, unsere öffentlich-rechtlichen Kernaufgaben in einem so hohen Ausmaß zu finanzieren".

Ztl.: Programmintendantin Zechner: "Taxi Orange" ein bimedialer Durchbruch

In ihrem Resüme führte ORF-Programmintendantin Mag. Kathrin Zechner aus, dass "Taxi Orange" eine eigenständige, positive Alternative zu konkurrierenden Reality-TV-Formaten war. "Der Grundgedanke von uns Programmmachern zu diesen Formaten war, dass es ein Interesse für die Geschichten einer Gruppe von Menschen gibt, vergleichbar dem Interesse an Soaps im fiktionalen Bereich. Der zweite Zugang war, das Wesen einer dislozierten Kommunikation, wie es der globalen Internetgeneration entspricht, abzubilden in einem eigenen Format, mit einer eigenen Schiene auf ORF-ON." Es sei gelungen, die jungen Leute zum ORF zurückzuholen: "Wir konnten die Jungen ‚abholen', mit einer Sprache, die sie kennen, mit den Themen, die sie interessieren, und die im Kutscherhof diskutiert wurden, und vor allem mit Kandidaten, die Identifikationsmöglichkeiten und Reibungsflächen" gleichermaßen geboten hätten. Großes Augenmerk widmete die ORF-Programmintendantin auch dem Internet-Auftritt von Taxi Orange: die täglich redaktionell bearbeitete TXO-Website habe dazu beigetragen, dass mit 45 Mio. Pagemimpressions Österreichs größtes Web-Ereignis überhaupt stattgefunden habe. "'Taxi Orange' war ein bimedialer Durchbruch, aus der one-to-many-Kommunikation des Fernsehens wurde eine funktionierende Zwei-Weg-Kommunikation."
Was das oft geschmähte Genre "Reality-TV" an sich betrifft, verwies die Programmintendantin darauf, dass niemand das Genre Spielfilm nur deshalb verdamme, weil neben vielen filmischen Kunstwerken auch viel "Trash" produziert werde. Zechner hob auch den Faktor heimische Wertschöpfung hervor. Mit der Produktion von "Taxi Orange" habe man viel Erfahrung und Know-How erworben, das anderen Produktionen, aber letztlich auch dem Medienstandort Österreich insgesamt nutze. "Bei eingekauften Produkten fällt diese Wertschöpfung naturgemäß weg", so Zechner.

Ztl.: Bretschneider: Reales Leben als spannende Alternative

Prof. Dr. Rudolf Bretschneider, geschäftsführender Gesellschafter des FESSEL-GfK-Instituts, präsentierte eine Expertenstudie zu diesem Thema. Von Mitte November bis Mitte Dezember 2000 wurden 15- in- und ausländische Pädagogen, Medienfachleute, Psychologen und Philosophen qualitativ zum Phänomen Reality-TV im allgemeinen und Taxi Orange im speziellen befragt. Gemeinsamer Tenor: Reales Leben im Fernsehen wird vor allem von den jungen Zuschauern als spannende Alternative zu den üblichen Formaten empfunden, junge Menschen, die auf Identitätssuche sind, stellen sich selbst dar und befriedigen damit die Sehnsucht der jungen Zuschauer nach Authentizität und Geschwisterlichkeit. Übereinstimmende Ansicht der Experten ist, dass sich die Frage, ob öffentlich-rechtliches Fernsehen Reality-Formate im Programm haben soll, nicht stellt, weil es sich hier um ein gesellschaftliches Phänomen handelt, dass wahrgenommen werden muss. Wohl aber sind öffentlich-rechtliche TV-Unternehmen aufgefordert, dieses Format sinnvoll zu kontrollieren und entsprechend aufzuarbeiten.

Ztl.: Hawlik: 93 Prozent Bekanntheitsgrad für "Taxi Orange"

Dr. Johannes Hawlik, Autor und Herausgeber sozialwissenschaftlicher Publikationen und Medienforscher des FESSEL-GfK-Instituts, präsentierte eine repräsentative Umfrage unter 1.000 Interviewten zur Einstellung der Österreicher zu Reality-Formaten. Dabei zeigte sich, dass der Bekanntheitsgrad von "Taxi Orange" bei 93 Prozent liegt ("Expedition Robinson" 81 Prozent, "Big Brother" 75 Prozent), 71 Prozent der Befragten haben TXO mindestens einmal gesehen, 23 Prozent haben oft, 47 Prozent manchmal darüber diskutiert. Auch in dieser Untersuchung zeigt sich eine starke Polarsierung, die dieses Format hervorgerufen hat. 70 Prozent meinen, dass der ORF damit eine gute Alternative zu anderen Programmen biete, der Rest lehnt TXO als "niveaulos" und ähnlich ab. Dr. Hawlik: "Diese Polarisierung ist gut, weil ein Zwang zur Diskussion, was uns was wert ist, entstanden ist. Auf jeden Fall ist dem ORF mit diesem Programm gerade bei den jungen Zusehern ein wichtiger Imagetransfer in Richtung ‚modern und mit der Zeit gehend' gelungen."

Ztl.: Willemsen: Erste wirkliche Neuerung seit 15 Jahren

Dr. Roger Willemsen, Essayist, Herausgeber, Übersetzer, TV-Moderator und -Produzent, begrüßte in seinem Referat "Reality-Shows als kulturelle Metapher unserer Zeit?" dieses Format als wirkliche Neuerung in einem Fernsehen, das in den vergangenen 15 Jahren keine echten Innovationen gebracht hat und in einer strikten Formatierung der Stilmittel und Inhalte erstarrt sei. Formate wie "Taxi Orange" sind seiner Meinung nach hoch interaktiv, nicht nur im Internet, wo der Zuschauer sich einbringen muss und nicht nur simpler Betrachter sein kann. Willemsen: "Reality TV wie ,Taxi Orange' - das übrigens wesentlich intelligenter und besser gemacht ist als vergleichbare Formate - leistet endlich das, was Fernsehen immer leisten wollte, nämlich, dass sich der Zuschauer auf vielen Ebenen selbst begegnet und ein hohes Maß an Authentizität erreicht wird. Für Zuschauer in einem 23. Jahrhundert wäre es eines der wenigen authentischen Dokumente, wie wir im Jahr 2001 gelebt und gedacht haben." Abschließend warnte Willemsen aber davor, dass sich auch dieses Format bald wieder zu erhärten und damit zu erschöpfen drohe.

Ztl.: Richter: "Taxi Orange" als Quantensprung

Jens Richter, internationaler Vertriebsleiter der Kirch-Gruppe, die vom ORF die weltweiten Formatrechte an "Taxi Orange" erworben hat, nannte als Vorgängerformate des neuen Phänomens Reality TV die Familienserien der siebziger und achtziger Jahre, darunter "Diese Drombuschs" und "Lindenstraße". In den Neunzigern seien dann - vor allem in Schweden, den Niederlanden und Großbritannien - die Daily Soaps entstanden, in denen Schauspieler erdachte Geschichten gespielt hätten. Im Anschluss an die Daily Soaps, so Richter, habe sich das neue Phänomen der Reality Formate herausgebildet. Zu diesem Genre zählten u.a. Sensations-Reality, Doku-Soaps wie "Der Friseur" und "Airport" und schließlich "Taxi Orange", das einen Quantensprung in der Entwicklung darstelle. Im Gegensatz zu den meisten anderen Formaten werde "Taxi Orange" ganz wesentlich durch die Teilnehmer geprägt. Personen wie Max, Walter oder Linda würden von den Zusehern als Teil ihrer erweiterten Familie angesehen. Bei "Taxi Orange", so Richter, stehe nicht die Sensation, sondern der Mensch im Mittelpunkt. Ganz wichtig sei in diesem Zusammenhang die Auswahl der Kandidaten. Kirch-Media werde daher in allen Ländern, die "Taxi Orange" übernehmen, darauf achten, dass - wie beim ORF - die Auswahl der Kandidaten unter dem Aspekt der Harmonie und des gemeinsamen Gruppenziels erfolge. Abschließend erklärte Richter, dass sich Kirch-Media darüber freue, ein so erfolgreiches Format weltweit zu vertreiben. In der Türkei werde dieses Format im Frühjahr, bei SAT.1 im Herbst starten.

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